Soziologe Dirk Baecker über Digitalisierung - Zusammenleben mit nervösen Medien

Dirk Baecker erkennt in der Digitalisierung die jüngste von vier Medien-Epochen der Menschheitsgeschichte, von denen jede einzelne die Regeln des Zusammenlebens grundlegend neu geprägt habe:

„Digitalisierung, das heißt: die Verwendung von elektronischen Apparaten aller Art, ist für mich von derselben tiefgreifenden Bedeutung für die gesellschaftliche Kultur, wie zuvor die Einführung des Buchdrucks, davor die Einführung der Schrift und davor die Einführung der Sprache.“

Info: https://www.deutschlandfunkkultur.de/soziologe-dirk-baecker-ueber-digitalisierung-zusammenleben.2162.de.html?dram:article_id=431636
MP3: https://podcast-mp3.dradio.de/podcast/2018/10/28/die_luecke_die_der_rechner_laesst_der_soziologe_dirk_drk_20181028_0006_cacf6dd7.mp3

In seinem Buch „4.0 oder Die Lücke, die der Rechner lässt“ skizziert der Soziologe, wie mit dem Auftauchen der Sprache im Zeitraum vor 30.000 bis 40.000 Jahren – nach seiner Zählung in der Medien-Epoche 1.0 – zugleich gesellschaftliche Formationen entstanden, die als Sprachgemeinschaften jeweils eigene Regeln dafür fanden, welches Sprechen in welchen Situationen unter welchen Akteuren als angemessen galt.

Dirk Baecker, Soziologe an der Universität Witten/Herdeck und Systemtheoretiker (picture-alliance / dpa / Ingo Wagner)Im Gespräch: der Soziologe und Systemtheoretiker Dirk Baecker (picture-alliance / dpa / Ingo Wagner)

In der Medien-Epoche 2.0, die mit der Erfindung der Schrift vor etwa 8.000 Jahren begann, entstand durch die Möglichkeit, das flüchtige Sprechen zu fixieren und zu analysieren, auch eine neue Auffassung von Zeit:

„Die Gesellschaft explodiert in Zeithorizonte“, sagt Baecker. „Zu schreiben heißt, lesen zu können, was man gestern aufgeschrieben hat, aufzuschreiben, was man morgen lesen muss, so dass plötzlich Begriffe wie Vergangenheit, Gegenwart, Zukunft überhaupt nötig wurden.“

Der Buchdruck schafft eine neue Öffentlichkeit
Mit der Erfindung des Buchdrucks setzt Mitte des 15. Jahrhunderts die Medien-Epoche 3.0 ein. In ihrem Zuge wandelte sich tiefgreifend das Verständnis von Öffentlichkeit, sagt Baecker:

„Die moderne Buchdruck-Gesellschaft ist eine, in der jeder jeden jederzeit kritisieren kann – und man das sogar aushalten muss, weil die alle gelesen haben und einfach drauflos plappern.“

Diese neue Vielstimmigkeit erschien nicht wenigen Zeitgenossen chaotisch und riskant. Einen Vorschlag, wie sie einzudämmen wäre, machte etwa der Philosoph Immanuel Kant in seiner Schrift „Was heißt Aufklärung?“. Dort gibt er die Empfehlung, dass ein Gelehrter nur dann das Wort ergreifen sollte, wenn mindestens ein weiterer Gelehrter anwesend sei, der ihn bei Bedarf korrigieren könne. Schon bald begannen freilich mehr oder weniger belesene Bürger damit, die eigene Zeitungslektüre in Salons oder an Stammtischen zum Besten zu geben, zu debattieren und sich gegenseitig zu kritisieren. So sei eine viel lebendigere, weitgehend ungeregelte Öffentlichkeit entstanden, sagt Dirk Baecker, die schon auf die heutige voraus weise.

„Die Situation, in der wir heute sind, ist, dass der Stammtisch in die allgemeine Öffentlichkeit verlängert wird und man unkontrolliert jeden x-beliebigen Kommentar, der irgendjemand irgendwo durch den Kopf geht, als Posting auf den Plattformen der Welt wiederfindet. Das ist eine andere Situation, weil es die Autoritäten, die akzeptierten Meinungen, die Kanäle, in denen gebündelt werden kann, was gebündelt werden muss, nicht mehr gibt.“

Was aber unterscheidet die derzeitige digital geprägte Öffentlichkeit der Medien-Epoche 4.0 ganz wesentlich von ihren Vorläufern? Sind wir wirklich viel anfälliger für Fälschungen und Verdrehungen der Wahrheit geworden, als es noch die Buchdruck-Gesellschaft mit ihren Prinzipien der Nachprüfbarkeit und entsprechenden Instanzen der Kontrolle war? Dirk Baecker glaubt nicht, dass „Fake News“ ein wirklich neues Phänomen sind. Skandalträchtige Falschmeldungen hätten schon im 19. Jahrhundert für Empörung gesorgt. Es sei zwar leichter geworden, Dokumente oder Bilder zu fälschen, Fehler seien heute aber auch schneller zu korrigieren, Betrug schneller aufzuklären.

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