Habeck: Alles richtig gemacht.

8. Januar 2019 21:11 | #Politik #Social Media #synch #Twitter

Der Grünen-Chef Habeck greift im Ton daneben (finde ich nicht, aber gut) und löscht seine Accounts bei den führenden Social Media-Plattformen. Alle „Experten“ bescheinigen ihm darauf Rückwärtsgewandtheit und Feigheit, exemplarisch hier mal Thomas Knüwer. Nichts könnte weniger zutreffen.

Was all diese „Experten“ anscheinend vergessen: Habeck hat seine eigene Plattform, ein Blog, die Ur-Form von sozialen Medien im Netz. Er hat lediglich den großen Plattformen den Rücken gekehrt und ihren leichten, verführerischen Sharing-Mechanismen, die in der Tat Negativität und Empörung bevorzugen, by design. Nichts ist leichter, als die kurz hingeschmissene Äußerung zum #TrendingTopic in 140/280 Zeichen oder der Share einer Outrage-Meme auf Facebook. Und es ist nicht so, dass wir genau das vier Jahren kritisieren. Aber wenn ein Politiker die fatale psychologische Wirkung von Social Media-Publishing-Mechanismen nun am eigenen Leibe fährt und daraus Konsequenzen zieht, ist es auch wieder nicht recht.

Diese „Experten“ vergessen ebenfalls, dass äußerst einflussreiche Netzpersönlichkeiten in Deutschland gar nicht auf den Plattformen vertreten sind, Fefe wäre nur eines davon. Und auch wenn ein Sascha Lobo auf den Plattformen mit Accounts vertreten ist, so sind die spärlichen, alle paar Wochen verkündeten Zweizeiler dann doch viel zu wenig, um von einer echten Teilhabe am dortigen Diskurs zu reden. Und der Mann wird in allen Talkshows als „Blogger“ oder „Social Media-Guru“ herumgereicht. Lobo könnte seine Accounts ebenfalls schließen, es würde niemanden jucken, außer den „Experten“ natürlich, die ihm dann dasselbe bescheinigen würden, wie nun Habeck.

Man darf ebenfalls nicht vergessen, dass diese „Experten“ sich dergestalt äußern, da es ihr Job ist und sie tun dies auch aus Selbstinteresse. Was ist denn bitte ein „Social Media-Experte“ wert, der die Nutzung von Social Media ganz prinzipiell kritisiert, etwa wenn er von den schädlichen Realitätsverzerrungen oder den psychologisch bedingten Empörungsspiralen redet (wie ich seit Jahren beispielsweise)?

Habeck hat hier kein rückwärtsgewandtes Signal gesendet, sondern ein zukunftsfähiges. Eine Abkehr von großen Social Media-Plattformen und ihren suchterzeugenden Aufmerksamkeits-Mechanismen, zurück zu überlegten, langförmigen Formulierungen in Reden und vielleicht im Blog. Habeck ist damit meines Erachtens sehr viel näher an der Zukunft, als alle Social Media-„Experten“ zusammen, die nach wie vor denselben techno-utopistischen Nonsense aufschreiben, als lebten wir im Jahr 2009.

Mein Tipp an Habeck: Kommentare im Blog erlauben (hart moderiert) und halbspontane Statements auf Youtube. Möglicherweise einen „offiziellen Account als Vorsitzenden“ auf den Plattformen, auf denen er nicht mehr als Mensch agiert, sondern als Amtsträger. Die massenhafte Kommunikation auf Social Media erlaubt für einen Politiker seines Status nurmehr „offizielle Statements“, formuliert von einem Team, natürlich schmissig geschrieben für die Massen. Er hat den Fehler begangen, als Prominenter „real“ und „echt“ zu sein. Das, so schade es klingen mag, ist auf Social Media im Jahr 2019 nicht mehr möglich.

[update] Schöne Konversation in einem Kommentar-Thread auf FB mit André Karsten und Thomas Knüwer:

André Karsten: In der Tat kann ich nur versuchen, mir das vorzustellen. Umso mehr versuche ich die folgende Aussage nach wie vor einzuordnen: “Twitter ist kein Hort der Aggression, sondern ein Ort des Lachens, Liebens, der Kreativität und der Bürgerrechte.”

Nerdcore: Man kann sich Twitter natürlich so “bauen”, dass es ein “Ort des Lachens [etc]”, mit Blocklisten und Muten und whatnot. Es bleibt aber dabei, dass die Einfachheit der Sharing-Mechanismen gekoppelt mit banalen menschlich-psychologischen Eigenschaften (Fight/Flight zB, alle möglichen Biases, etc) den Diskurs auf Social Media in der Masse in eine aggressive Stimmung kippen lässt. Man kann diese Tendenz blocken, aber nicht abstreiten. Knüwer unterschlägt das, dabei ist er eigentlich klug genug und war die letzten paar Jahre auch online, glaub ich zumindest.

André Karsten: Nerdcore Die o.g. Aussage von Thomas hatte mich auch sehr verwundert. Verfolge ihn nun nicht grad regelmäßig, daher kann ich schwer einschätzen, wie das einzuordnen ist. Als Hoffnung? Als für ihn bestehender Ist-Zustand? Als Ironie?

Thomas Knüwer: Die allergrößte Masse aller Kommunikation im Social Web ist positiv. Wenn aber jemand unter ein Posting schreibt “ich lachte”, dann nehmen wir das nicht weiter wahr. Was wir wahrnehmen ist das, was gegen unsere Erwartung läuft. Und wir erwarten von Menschen eben nicht, dass sie uns agreifen oder beleidigen. Deshalb werden Angriffe und Beleidigungen besonders stark wahrgenommen – positive Äußerungen dagegen nicht. Das gilt übrigens nicht nur für das Web, sondern überall im Leben.

Ich habe mir Twitter übrigens nicht “gebaut”. Ich blocke beispielsweise sehr wenig. Aktuell sind 412 Accounts von mir geblockt – und ich bin seit den 12 Jahren dabei…

Nerdcore: Ganz exakt genau richtig. Und was wir wahrnehmen, bestimmt unser Bewusstsein. Deshalb ist Twitter ein aggressionsfördernder Ort, eben weil dort grade die kurze, schnelle Aufmerksamkeitsmöglichkeit das Wahrnehmen bestimmt. Desto “ruhiger” der digitale Ort, desto aggressionshemmender wird er. Damit meine ich zB ein durchdachter Blogpost ist als „Ort“ weniger aggressionsfördernd, als ein Tweet. FB ist dann nochmal ein spannender Fall, denn es ermöglicht sowohl den langen durchdachten Text, als auch die kurze Mitteilung oder Bilderpostings etc.

Übrigens sind 412 geblockte Accounts ne ganze Menge, wie ich finde 😉 Desto länger ich drüber nachdenke: Das sind sogar wirklich arschviele, aber gut. Als Journo gerät man je nach Themenlage wahrscheinlich auch nochmal an ganz andere Knilche, sei Dir gegönnt.

Thomas Knüwer: Wenn eine absolute Minderheit, die Aggression fördert, bedeutet das im Umkehrschluss, dass jedwedes Auftreten von Aggression zu Aggression führt. Das halte ich für nicht zutreffen. Denn dann hätten in den 80er Jahren alle Fußballfans zu Hooligans werden müssen. Aktuell führt das manchmal aggressive Verhalten von Ultras zu offenkundigen Abwehrreaktionen, die aber deutlich nicht-aggessiv sind.
Oder: Ein Schulhofschläger würde reichen, um den ganzen Schulhof aggessiv zu machen. Sehe ich auch nicht.

Seit 2007 412 Accounts zu blocken finde ich nicht viel, wenn gleichzeitig eine starke Nutzung erfolgt. Ich blocke übrigens auch Accounts, die offensichtliche Bots sind und ich blocke alle Accounts, die ich wegen einzelner Äußerungen melde.

Nerdcore: Du vergisst aber, dass Schulhöfe und Fußballstadien weitere Mechaniken bieten, um Aggression einzuhegen, die online so nicht funktionieren. Die Gruppenbildung ist online beispielsweise sehr viel fluider und durchlässiger, als aufm Schulhof oder im Stadion, und das ist nur ein Faktor.

Und ja, klar, 95% aller Äußerungen im Netz sind nett oder toll oder beides, aber 5% können diesen Raum durchaus vergiften. Das ist wie die 99% der Luft, die auch nicht aus Treibhausgasen bestehen und das Klima dennoch kippen können. Wie gesagt, wir reden hier nicht über individuelle Wahrnehmung, die in der Tat auch anders ausfallen kann, je nach Timeline-Zusammenstellung. Aber insgesamt ist eine aggressive Tendenz nicht von der Hand zu weisen und sie nimmt zu, desto leichter der Sharing-Mechanismus.

Nochmal zu Deinem Schulhofbeispiel: „Ein Schulhofschläger würde reichen, um den ganzen Schulhof aggessiv zu machen. Sehe ich auch nicht.“ Doch. Sehe ich. Du verwechselst den physischen Gewaltakt mit einer aggressiven Fight&Flight-Stimmung auf eben jenem Schulhof. Und um das Gleichnis zu komplettieren: Stell Dir vor, Du kannst *nichts* gegen diesen Schläger ausrichten. Er ist immer da. Du kannst den blocken, ja, aber davon geht der nicht weg, auf diesem Weg schützt man sich selbst vor dem, aber mehr nicht. Der Typ steht immer auf dem Schulhof und ab und zu verprügelt der jemanden. Kein Lehrer kommt, keine Autoritätsperson packt den weg. Ich möchte die Stimmung auf einem solchen Schulhof lieber nicht mitkriegen und mit jedem einzelnen Tag steigt die Angst auf diesem Schulhof. Das ist Social Media. (Ist natürlich ein bisschen überzeichnet zu Illustrationszwecken. Wir reden hier von einer kleinen Tendenz, die aber auf Zeit große Wirkkung entfaltet.)

Thomas Knüwer: Ich weise ja gar nicht von der Hand, dass es Aggressoren im Web gibt – nur machen sie eben die deutliche Minderheit aus. Und: Auch hier kann man Aggession einhegen. Es passiert mir regelmäßig, dass heißblütige Kommentatoren nach einer ruhigen, argumentativen Reaktion mit Hinweis auf ein zu hohes Maß an Heißblut auf einen zivilisierten Weg zurückkehren.

Nerdcore: Klar, ich will ja auch gar nicht behaupten, dass das Mediensystem Internet für immer in diesem seltsamen Stadium verharren muss, es gibt durchaus Mechanismen die verfangen, etwa die individuelle, ruhige Reaktion wie in Deinem Fall oder auch sowas wie das „Ichbinhier“-Konzept. Den idealen Weg, um dieses Phänomen einzudämmen, haben wir halt noch nicht gefunden und wahrscheinlich ist es ein Mix aus jeder Menge kleinteiliger Kulturtechniken, die wir eben noch entwickeln müssen.

Thomas Knüwer: Agreed.

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3 Kommentare zu “Habeck: Alles richtig gemacht.”

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    1. Ich bin aus genannten Gründen endgültig aus der Szene raus und brauche daher auch keinen Twitter-Account. Tatsächlich *habe* ich einen Account, den nutze ich allerdings ausschließlich als Lurker, um ein paar Themen zu monitoren.