Die memetische Synchronisation der Gesellschaft

In der neunten Ausgabe des Funkturm Magazins für Medien und Politik über die Krise der Sozialen Medien erschien dieser Text von mir über die memetische Synchronisation der Gesellschaft. Das Magazin kann man hier bestellen.


Moderne Gesellschaften bilden ihren Erfahrungsraum anhand von Massenmedien aus, ihre Akteure richten ihre Handlungen nach dort kommunizierten Spielregeln aus. Waren diese Regeln bis vor wenigen Jahren noch durch Gatekeeper in Form von Verlagen, Publikationen, professionellen Journalisten und Schriftstellern, Regisseuren und Künstlern noch einem nur relativ überschaubaren Kreis zugänglich, unterliegt die Formulierung dieser Regeln seit dem Siegeszug des Internet im Allgemeinen und der Allgegenwärtigkeit von Social Media im besonderen allen Bürgern einer Gesellschaft, sofern sie Zugang zu diesen Sozialen Medien haben. Jeder Tweet, jeder Kommentar und jedes Posting trägt seinen Teil zur Ausgestaltung dieser Regeln bei und wir verhandeln sie neu, jeden Tag. Die daraus resultierenden Umwälzungen für den Erfahrungsraum der Gesellschaft sind gewaltig.

Waren diese Spielregeln in der Vergangenheit starr und formal, so werden sie heute von unzähligen Mikro-Ritualen von tausenden, atomisierten Gruppierungen flankiert, angegriffen und modifiziert. Entscheidend dabei sind die Editierbarkeit des Digitalen Raums durch jedes Individuum, die Allsichtbarkeit der Extrema und die psychologisch bedingte Distribution der Information.

1. Editierbarkeit des Digitalen Raums
Wir verwandeln uns online in 1000 unterschiedliche Personae, alle sind Journalisten, Trolle, Mobber, Liebhaber, Wissenschaftler, verspielte Kinder und Tyrannen. Wir schlüpfen in alle diese Rollen zu unterschiedlichen Zeiten für unterschiedliche Gesprächspartner in unserem ureigenen Digitalen Raum, der in unserer Hosentasche, auf unserem Schreibtisch oder im Wohnzimmer weilt und die Tür zur Teilnahme an der Gesellschaft offenhält. Die Kontextualisierung der Kommunikation, die bereits offline reibungslos stattfindet (immerhin reden wir mit der Bäckerin anders als mit dem Ehepartner), funktioniert online im Extrem (wir blocken den angeblichen Troll voll Zorn und überschütten Bestätigung mit überschwänglichem Lob).

Wir regieren in persönlichen Digitalen Raum auf radikalste Weise, denn er unterliegt meinem und NUR meinem Willen. Das gilt für die Konfiguration meines Browsers und meines Smartphones genauso wie für die Avatare der Menschen. Meine Timeline ist customized, meine digitalen Nachbarn sind ganz nach meinem Geschmack und wer nicht passt, wird entfernt. Das bedeutet den Siegeszug eines digitalen Narzismus auf Steroiden durch hyperindividualisierbare Weltwahrnehmung und alle 4 Millarden Social Media-Nutzer weltweit sind nur Icons innerhalb meiner eigenen digitalen Welt – und Gott sei der armen Seele gnädig, die meinen Digitalen Raum mit der falschen Meinung betritt.

2. Allsichtbarkeit der Extrema
Das Netz bietet einen Blick auf jegliche menschliche Erfahrung. Wir sehen übersprudelnde Lebensfreude und abgrundtiefen Hass, Liebe und Tod, Organisation und Chaos in einem 24/7-Rave, der niemals endet und dessen Malström brodelt in unmittelbarer, meist körperlicher Nähe, am Arbeitsplatz, in unseren Wohnungen und auf den Smartphones in unserer Tasche, innerhalb der privaten Sphäre jedes einzelnen Users. Wir reagieren auf fremdartige Haltungen, Meinungen und Emotionen mit radikaler Abwehr und feiern alles Bestätigende, positiv Herausfordernde mit hyperbolischer Liebe, formuliert in 280 Zeichen, verbindlich wie Fastfood.

Diese radikale digitale Abwehr mit allen Mitteln der Editierbarkeit erzeugt eine extreme Sichtbarkeit eigentlich randständiger Phänomene. Ein Student der Universität Magdeburg äußert sich in seiner völlig normalen, jugendlichen Radikalität mit einer Haltung, die sowohl von institutionellem Journalismus als auch informellen Interessentsgruppen als demokratiefeindlich wahrgenommen wird und die einen machen daraus die Haltung einer ganzen angeblichen Generation „Snowflake“, die anderen die angeblich notwendige Radikalität für den Fortschritt der Welt, beide Male für Klicks und für Aufmerksamkeit, der einzigen Währung im digitalen Kampf um „Eyeballs“. Der eigentlich unterstützenswerte Kampf für Bürgerrechte wird so durch eine digitale Verzerrung der Wahrnehmung zu einer extremistischen und NUR einer extremistischen Haltung. Nuancen werden digital weggeflext, der kleinteilige Mainstream politischer Arbeit wird unsichtbar, während in der Aufmerksamkeisökonomie des Netzes nur die radikalsten Ausbrüche sichtbar werden.

Ein perfekter Mechanismus, der Trollen und Bad Actors Tür und Tor zum Mainstream öffnet, denn die Presse ist durch werbefinanzierte Medienangebote gezwungen, auf jeden sensationalistischen Zug aufzuspringen.

3. Psychologisch bedingte Distribution der Information
Die Verteilung dieser Informations-Bits (jeder Meinungsäußerung und jedem Debattenbeitrag von Kommentar und Tweets bis Artikeln und ganzen Publikationen) folgt dabei Mustern, die den psychologischen Profilen jedes Akteurs entspringen und in der Masse zum ersten mal in der Geschichte des Menschen die Emergenz des kollektiv Unterbewusstsen sichtbar macht, in Echtzeit, #hashtagged und dezentral distributed.

Konservative Menschen mit starker Neigung zu Ordnung und Authorität und Progressive Menschen mit starker Neigung zu Offenheit und Fairness verteilen Informationen, die diesen Neigungen folgen. Und noch häufiger, wenn sie ihnen NICHT folgen, denn der Mensch ist online noch stärker als offline anfällig für Empörung und Outrage und er trifft dank der ultimativen Anpassbarkeit der digitalen Umgebung auf die perfekte Maschine zur Äußerung dieser Empörung. Selbst als User mit durchschnittlichen digitalen Editierungs-Skills (also der Nutzung von Kommentar-Formularen oder Plattformen) haben bereits eine immense Macht über den Diskurs. Trolle, Skript-Kiddies, Programmierer und Hacker aber befinden sich hier in einer ultimativ elitären Position. Sie nutzen nicht nur, sie manipulieren und sind in der Lage, ganze gesellschaftliche Narrativ-Bündel zu erzeugen, zu verändern und einen grünen Frosch in offiziellen Verlautbarungen des amerikanischen Präsidenten zu erzeugen. Jede Wahrnehmung der Welt wird zum Spielball der „Psychological Operations“ von jedem Teilnehmer.

Das focaultsche Dispositiv bildet sich nach neuen Spielregeln auf Speed und diese memetische Synchronisation der Gesellschaft erzeugt unter aufmerksamkeitsökonomischen Bedingungen einen neuartigen Diskurs-Raum, in dem alle Narrative scheinbar gleich valide und jede noch so absurde Verschwörungstheorie diskursive Inklusion durch Sichtbarkeit erfährt. Deshalb lesen wir beispielsweise Artikel über Flat-Earthers in Leitmedien, die Sichtbarkeit und damit Gültigkeit durch Widerlegung erzeugen.

Diese neue Umgebung ist geprägt durch eine Wahrnehmung der Welt, die sich vor allem aus persönlichen Bedürfnissen und Präferenzen speist, die wiederum vor allem auf Fiktionen, symbolischen Bedeutungen und Glauben basieren. Der Schutz von Kriegsflüchtlingen, eine Errungenschaft der Demokratischen Institutionen der vergangenen 50 Jahre, wird so zum Symbol einer angeblich radikalen Offenheit dieser Institutionen, die wiederum zum angeblichen Untergang führt. Diese Meme (Idee) äußert sich dann in unterschiedlichen Virals wie der Erzählung einer angeblichen „Invasion“. Eine Debatte über real existentierende Probleme und Konflikte wird so durch hyperbolische Narrative unmöglich, denn während die eine Seite „Invasoren“ schützt, arbeitet die andere Seite am Genozid. Beide Narrative sind falsch, erfüllen aber ihren Zweck als perfekte Aufmerksamkeitsgeneratoren aufs vortrefflichste.

Dieser neuen Umgebung der Kommunikation, in der eine gar nicht so neue memetische Synchronisation der Gesellschaft stattfindet – das einzig Neue ist die Geschwindigkeit, die Sichtbarkeit und die Editierungsmöglichkeiten dieser Informationsströme –, macht neue Ansätze der Moderation des Diskurses notwendig. In den Presseorganen institutionalisiertes Fact Checking ist eine solche Moderationsmaßnahme, genau wie die besondere Kennzeichnung dubioser oder vertrauenswürdigen Quellen. Vor allem aber macht diese Umgebung notwendig, dass wir einzelne Ausbrüche der Empörung oder Begeisterung als Bausteine größerer, psychologisch bedingter Narrative wahrnehmen, als virale Ausdrucksformen von Memen, den neuen, alten Trägern der Geschichte des Menschen.

Nerdcore veröffentlicht seit mehr als 12 Jahren Analysen und Dokumentationen zu Memetik, Netz-Soziologie und digitalen Subkulturen, garniert mit jeder Menge Kunst, Entertainment und Unfug. Nerdcore prägte die deutsche Netzkultur maßgeblich, initiierte die erste deutsche Meme, ging Frau Merkel mit Flashmobs auf die Nerven und manche Menschen behaupten, ich würde ab und zu gute Arbeit abliefern.

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