Synchronisierte Hipster und memetische Informations-Moirés

Jonathan Touboul ging in einer neuen Studie der Frage nach, warum Menschen Modeerscheinungen und Trends folgen, und welche Bedingungen erforderlich sind, damit angebliche Non-Konformisten am Ende doch alle gleich aussehen: The hipster effect: Why anti-conformists always end up looking the same, Paper.

Sein Model beschreibt Non-Konformisten und Leute, die sich dem Verhalten der Mehrheit anschließen und berechnet, in welchem Szenario sich die Hipster rasieren und in welchem sie Bärte tragen und ab wann sich ihr Verhalten synchronisiert. In Toubouls Model synchronisieren die nonkonformen Hipster in Richtung Konformismus (alle tragen Bärte oder keine) unter bestimmten Voraussetzungen (solange sie Trends nur langsam erkennen oder wenn der Einfluss der Konformisten groß genug ist). Interessanterweise bleibt gleichverteilte Randomness ohne Modeerscheinungen bei genauer Parität stabil („When there are equal proportions of hipsters and conformists, the entire population tends to switch randomly between different trends.“)

Wer also laut diesem Modell memetischen Ausbrüche verhindern will, sollte Wert auf absolute Gleichverteilung setzen, die natürlich realiter nicht zu erreichen ist.

Ich lese derzeit Steven Strogatz 2004er Buch Synchron: vom rätselhaften Rhythmus der Natur, das von der Mathematik seiner Synchronizitäts-Theorie handelt. Es geht zum Beispiel darum, warum Glühwürmchen-Schwärme in synchronisierten Signalen leuchten, warum ganze Vogelschwärme sich wie ein einziger intelligenter Organismus verhalten oder wie Fußgänger durch synchronisierte Schritte ganze Brücken zum Einsturz bringen können. Am Ende des Buchs geht es auch um synchronisiertes Sozialverhalten unter Menschen, der tatsächliche Grund, warum ich dieses Buch lese. Glühwürmchen sind super, aber ich interessiere mich nach wie vor brennend dafür, wie unsere neue Medienwelt neue Bedingungen schafft, wie sich Gesellschaft synchronisiert und welche Gründe für welche Phänomene verantwortlich sind.

Ab Seite 365 geht es um Memetik und darum, wie sich Mode-Erscheinungen durchsetzen und ich hatte keinen Ahnung, dass Schauspieler Alan Alda glühender Anhänger der Meme-Theorie ist. Alda hatte Strogatz kontaktiert, nachdem dieser seine Theorie der Synchronizität im Scientific American beschrieben hatte.

Alans Frage über Modeerscheinungen unterstrich, wie wenig wir über die menschlichen Erscheinungsformen von Synchronismus wissen. Bislang hatten die Theoretiker, die sich mit gekoppelten Oszillatoren befassten, Themen wie Psychologie und menschliches Gruppenverhalten gemieden. Trotzdem sind die Anzeichen für menschlichen Synchronismus unverkennbar: Die Herdenmentalität der Wertpapierhändler und die daraus resultierenden Achterbahnfahrten des Marktes; die brutale Dummheit des Mobs; die politischen und wirtschaftlichen Fehler, die durch „Gruppendenken“ verursacht werden; und selbst solche harmlosen Merkwürdigkeiten, wie der peinliche Augenblick, wenn auf einer Cocktailparty alle Gäste gleichzeitig in Schweigen verfallen. Das sind alles Fälle von Synchronismus auf Gruppenebene. Die psychologischen Dimensionen von Synchronismus zeigen sich auch auf der Ebene des Individuums – was ist mit der Musik die uns anspricht? Oder mit dem Anblick von Synchronismuserscheinungen in der Natur, den anmutig synchronen Bewegungen von Fisch- und Vogelschwärmen? Was ist mit dem Vergnügen, das uns gemeinsames Tanzen bereitet? Warum finden wir Gefallen an Übereinstimmungen? […]

In der Regel widersprechen die Ergebnisse dieser Studien allen Erwartungen. Es zeigen sich emergente Formen kollektiven Verhaltens, die nach den Eigenschaften der Individuen selbst nicht zu vermuten wären. Alle Modelle sind natürlich außerordentlich vereinfacht, aber das ist der springende Punkt. Wenn uns schon ihr idealisiertes Verhalten überrascht, ergeben sich vielleicht Hinweise darauf, was wir von der Realität zu erwarten haben.

Jüngere Arbeiten über Modetrends gehen von einem klassischen Modell aus, das der Soziologe Mark Granovetter in den 1970er Jahren entwickelte. Er belegte seine Ergebnisse mit einer Geschichte über einen hypothetischen Mob, der aus 100 Menschen besteht und möglicherweise im Begriff ist, zu randalieren. Die Entscheidung jedes Einzelnen, zu randalieren oder nicht, hängt nach Granovetter davon ab, was jeder andere tut. Anstifter randalieren auch, wenn es niemand anders tut. Andere müssen eine kritische Anzahl anderer sehen (ed. Stichwort „Neue Digitale Sichtbarkeit!“), die Krawall machen, bevor sie sich beteiligen. Diese kritische Zahl – die Schwelle des Einzelnen – ist, so die Annahme, nach irgendeiner Wahrscheinlichkeitsverteilung in der Population gestreut.

Granovetters bekanntestes Beispiel betrifft den Fall eines Mobs mit gleichmäßiger Verteilung der Schwellenwerte, die von 0 bis 99 reichen. Mit anderen Worten, eine Person hat eine Schwelle von 0, eine andere eine Schwelle von 1 und so fort. Das Geschehen in einer solchen Menge lässt sich leicht vorhersagen. Die Person mit der Schwelle 0 ist bereit, zu randalieren, auch wenn niemand anders Anstalten macht. Sie stiftet Krawall an. Nun wird die Person mit der Schwelle 1 aktiviert, weil sie sieht, wie eine Person (der Anstifter) Fensterscheiben einschlägt. In dem Augenblick, wo zwei Menschen randalieren, beteiligt sich auch die Person mit dem Schwellenwert 2. Wie eine brennende Zündschnur oder eine kippende Reihe Dominosteine vereinnahmt der Krawall immer mehr Menschen, bis auch der letzte beteiligt ist. So weit ist alles ganz einleuchtend, doch nun kommt der Haken. Nehmen wir an, sagt Granovetter, wir verändern die ursprüngliche Zusammensetzung der Menge in der geringsten Weise – etwa, indem wir die Person mit der Schwelle 1 durch jemanden mit der Schwelle 2 ersetzen. Wenn jetzt der Anstifter mit dem Krawall beginnt, beteiligt sich niemand, weil die Schwelle aller übrigen Beteiligten größer als 1 ist. Mit anderen Worten, der Krawall findet nicht statt.

Die Überraschung liegt darin, dass die beiden hypothetischen Situationen fast ununterscheidbar sind, zumindest nach den üblichen soziologischen Maßstäben. Die durchschnittlichen Voraussetzungen der Menge haben sich auf die kleinstmögliche Weise verändert, so dass die allgemeine Verteilung der Schwellenwerte fast identisch ist. Trotzdem sind die Ergebnisse so unterschiedlich, wie sie nur sein können – ein allgemeiner Krawall in dem einen Fall und ein einsames Wüten eines Einzelnen im anderen. Ein Beobachter könnte die erste Menge als eine Bande von Plünderern beschreiben, die zweite hingegen als friedliche Demonstration, die von einem verrückten Krawallmacher gestört würde, während die beiden Mengen doch in Wirklichkeit fast identisch sind.

Und deshalb können Einzelne Personen auf Facebook ganze Informations-Kaskaden und Medienstürme auslösen und eine Verhinderung des Ausbruchs dieser Kaskaden erfordert die genaue Kontrolle der Vorbedingung, wie im obigen Beispiel die genaue Parität zwischen Hipstern und Konformisten.

Anders formuliert: Chaotischen Systeme werden immer Synchronisation hervorrufen und die Erforschung der Bedingungen dafür steckt noch in den Kinderschuhen. Ich tippe sehr stark darauf, dass Modeerscheinungen die Interferenzmuster individueller „Entscheidungsschwingungen“ sind. Memes sind nach diesem Bild nichts anderes als Moirés. (Und dieser Synchronismus ist damit auch sehr kompatibel mit der neuen Vibrationstheorie des Bewusstseins).

Wir haben mit den Sozialen Medien und dem per se messbaren Online-Verhalten ein mächtiges Werkzeug für diese neue Wissenschaft sozialer, memetisch bedingter Synchronisation und dieses Werkzeug konstituiert gleichzeitig neue Gesellschaften, in dem es Wahrnehmung möglich macht. Das Internet ist ein gigantisches Experiment sozialer Synchronisation, und wir beginnen nur langsam zu begreifen, was das wirklich bedeutet.

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