Young Adult Culture Cops

Die amerikanische Szene der Autoren von Young Adult Novels ist durch Social Justice Warrior komplett vergiftet, ein völlig vermintes Terrain, in dem niemand überlebt, der sich nicht nach den eisernen (und paradoxerweise ständig ändernden) Regeln des Social Justice Komitees richtet. An dieser Szene zeigt sich besonders deutlich die toxische Wirkung der illiberalen Linken, wie man sie zwar teilweise auch in anderen Szenen beobachten kann, aber grade im Bereich der Jugendliteratur kommt es seit circa zwei Jahren sehr häufig zu extremen Fällen des Rufmords und der Vernichtung der Karrieren einzelner, aufstrebender Autoren, immer aus denselben Gründen: Verstoß gegen das Repräsentationsreinheitsgebot, laut der nur und NUR derjenige eine Geschichte über eine Minderheit schreiben darf, der ihr selbst angehört. (Repräsentationsreinheitsgebot ist ein guter Neologismus und er ist mir nur deshalb eingefallen, weil ich kein Teil der illiberalen Linken bin. Dankt mal drüber nach.)

Reason.com: He Was Part of a Twitter Mob That Attacked Young Adult Novelists. Then It Turned on Him. Now His Book Is Canceled.

“Young-adult books are being targeted in intense social media callouts, draggings, and pile-ons—sometimes before anybody’s even read them,” Vulture’s Kat Rosenfield wrote in the definitive must-read piece on this strange and angry internet community. The call-outs, draggings, and pile-ons almost always involve claims that books are insensitive with regard to their treatment of some marginalized group, and the specific charges, as Rosenfield showed convincingly, often don’t seem to warrant the blowups they spark—when they make any sense at all. […]

As Rosenfield wrote in her Vulture article, “Many members of YA Book Twitter have become culture cops, monitoring their peers across multiple platforms for violations.” This policing includes keeping a close eye on who is liking or retweeting whom. Earlier this month, during the Zhao controversy, Kosoko accused an account named KidLitCon of having retweeted an “attack on”—read: a pointed but civil and informed disagreement with—Elle McKinney, another big-name YA author with a social-justice bent. (Full I-got-sucked-into-this-vortex-too disclosure: On Wednesday, the morning after I started tweeting about the Jackson situation, McKinney tweeted that “History will place Jesse Singal in the same category as Trump, Bannon, the KKK, Neo-Nazis, and all the other bigots currently coasting on the media’s obsession with humanizing some of the worst meat sacks to ever tumble into existence.” As a liberal Jew, I respectfully disagree with McKinney’s assessment.)

Neuestes Beispiel ist Kosoko Jackson, schwuler schwarzer Aktivist, der vor ein paar Wochen sein erstes Buch veröffentlichen wollte und der es wagte, seine Geschichte nicht nur mit einem islamistischer Terroristen als Villain zu besetzen, sondern auch noch zwei Amerikaner als Pärchen vor dem Hintergrund des Kosovo-Krieges als Helden zu zeichnen. Das waren gleich zwei Verbrechen gegen die Vorgaben des Identität-Büros und es half ihm nicht weiter, dass er (selbstverständlich) selbst auf Twitter bereits andere Young Adult-Autoren gejagt und gemobbt hatte.

Jackson schloß seine Website mit den Worten: „While dealing with the hurt my debut has caused and coming up with a plan of action of how to fix the pain I’ve caused with my words, my site is currently under maintenance.“ Ich möchte auf diese Wortwahl eingehen.

„Hurt“ (Verletzung) und „pain I’ve caused with my words“ (der Schmerz, den ich mit meinen Worten verursachte). Die Worte, die diese „Verletzung“ und den „Schmerz“ verursachten, sind die einer angenommenen Identität, die nicht seine ist. Kosoko Jackson ist ein schwarzer schwuler, kein Schwuler aus dem Kosovo. Seine Anmaßung, einen albanischen Islamisten zum Villain seines Romans zu machen, obwohl die muslimische Albaner im Kosovo-Krieg zur unterdrückten Minderheit gehörten. Sein Verbrechen war also, Identitäten auf den Kopf zu stellen, mit fiktiven Persönlichkeiten zu spielen und Ironie zu gebrauchen. Sein Verbrechen war es letztlich, eine Fiktion zu erfinden, in der möglich ist, die historischen Begebenheiten auf den Kopf zu stellen.

Im Umkehrschluss bedeutet das, dass für die illiberale, linksidentitären Kulturwächter die Abstraktion, die Auflösung der hochkomplexen, historischen Realität und die Kulturtechnik der Fiktionalität, also das Spiel mit diesen Abstrakte, in denen zwei schwule Amerikaner zu den Helden einer Geschichte vor dem Kosovo-Krieg werden können, nicht mehr möglich ist, oder nochmal anders formuliert: Für die illiberale Linke ist nur noch Fiktion akzeptabel, die albanische Muslime im Kosovo als verfolgte Minderheit darstellen und die Helden mit ihrer Identität zu zeichnen und die Serben als ihre Jäger. Die angebliche Fiktion der illiberalen Linken wird zum schlichten Dokudrama vor historischem Hintergrund mit genauer Nachzeichnung realer Menschen. Künstlerische Freiheit wird vor diesem Hintergrund ad absurdum geführt.

Die illiberale Linke hat in der Szene der Young Adult Literatur ihr totalitäres Endstadium erreicht, in der alleine und ganz alleine der intersektionale Schmerz der immer kleinteiligeren, immer individueller gestalteten Minderheit zählt und am Ende jedes Individuum nur noch als Opfer aller Unterdrückungsstrukturen wahrgenommen wird, so dass keinerlei repräsentative Abstraktion und damit keine Fiktion mehr möglich ist. Wie wir mit dieser totalitären Weltsicht auf der Seite der Linken langfristig umgehen sollten, weiß ich nicht. Ich weiß nur, dass mir Fiktionalität, Abstraktion und Stories mehr bedeuten, als die eiserne politische Korrektheit einer scheinbaren Kulturelite, die tatsächlich nur ein totalitär denkendes Kollektiv ist.

Ich bin unsicher, warum der Kulturkrieg ausgerechnet in dieser Szene der Jugendliteratur so ausgeprägt ist. Möglicherweise ist der Markt zu klein, um eine ausgeprägtes Gegengewicht aufzubauen. Möglicherweise ist Jugendliteratur aufgrund ihrer kulturell prägenden Rolle auch zu wichtig und deshalb ideologisch umkämpft. Möglicherweise wird der Markt für Young Adult Literatur aber auch vor allem von den Lesegewohnheiten junger Frauen beherrscht, die einen großen Teil der Kunden ausmachen, die möglicherweise ideologisch zur totalitären, politisch korrekten Linken tendieren und möglicherweise zeichnet sich genau deshalb an dieser Szene ab, wie ein feministischer Totalitarismus aussehen kann. Ich weiß es nicht.

Ich weiß nur, dass diese Leute den Rechten zuarbeiten und ich in Fragen künstlerischer Freiheit keinerlei Kompromisse eingehe.

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