Embryo als natürliche Person vor Gericht anerkannt

In Alabama wurde zum ersten mal ein sechs Wochen alter Embryo als natürliche Person vor Gericht als Nebenkläger zugelassen. Der Embryo ist ein reines Gedankenkonstrukt, „ehemaliges Lebenspotenzial“ und wurde vor einiger Zeit von der angeklagten Mutter abgetrieben. Das ist möglich aufgrund neuer „Persönlichkeitsrechte“, die nach Bestrebungen von Abtreibungsgegnern vor ein paar Jahren erstmals in Gesetze geschrieben wurden.

Die Fakten in diesem Fall sind relativ banal: Eine Jugendliche wird schwanger und möchte das Kind nicht austragen (laut ihrem Vater wollte sie nicht einmal Sex mit dem Hauptkläger haben) und hat es gegen den Willen des Klägers abgetrieben. Der klagt nun die Klinik an, die den Schwangerschaftsabbruch durchführte und den Pillenhersteller. Im Zuge dieser Klagen hat er nun beantragt, die Rechte von „Baby Joe“ wahrzunehmen, dem Baby, das niemals existierte und das als reines Potenzial in einer Zukunft im Bauch des Mädchens angelegt war.

Ich finde das extrem gruselig und das erst in zweiter Linie aufgrund feministischer Körperpolitik und dem Recht der Frau an ihrem Körper, was ich unterstütze, aber es gibt Leute, die sich da sehr viel besser auskennen als ich. Ich denke, das Zulassen eines sechs Wochen alten Embryos als Nebenkläger widerspricht dem Konzept des Rechts selbst.

Juristisch gibt es natürliche Personen (Ihr, ich, das Mädchen, ihr Ex-Freund, der Richter, das sind alles natürliche Personen mit voll ausgestatteten Rechten und Pflichten, die in der Welt existieren und handeln) und juristische Personen (Firmen, Konzerne, Staaten und Organisationen, die in der Welt existieren und handeln). Es gibt keine „potenziellen Personen“, also natürliche Personen (Du, ich) oder juristische Personen (Organisationen), die nicht in der Welt existieren und die nicht in dieser Welt handeln. Das Zulassen dieses Handlungspotenzials als Person vor Gericht entspricht dem Zulassen von Glaube vor Gericht und führt die Grundlage von Rechtssprechung, die auf Beweisen und dem Imperativ der Wahrheit basiert, ad absurdum.

Wenn dem so ist, verklage ich sämtliche Energiekonzerne und sämtliche Regierungen der Welt im Nahmen der Welt aus dem Jahr 2200, in dem eine grün-industrielle, prosperierende, global-anarchistische, lokal verwaltende, hochtechnisierte Gesellschaft die Geschickte des Planeten in beinahe-utopische Zustände gelenkt hat. Das Potenzial dafür ist jetzt bereits angelegt und es ist möglich, dieses Handlungspotenzial umzusetzen. Ich glaube daran und verklage aufgrund dieses Glaubens alle Staaten und Energiefirmen der Welt. Laut der Rechtsauffassung in Alabama ist das logisch. In meinen Augen ist das aber kein Recht, sondern lediglich gerichtsbare Fantasy.

Die Rechte der Frau über ihren Körper und ihr Recht auf eine Abtreibung leite ich daraus ab, dass kein Fantasie-Konstrukt der Welt über ihren Körper entscheiden darf, weder der Glaube ihres Ex-Typs noch der Glaube eines durchgeknallten Richters und nicht der Glaube von Abtreibungsgegnern an die fiktive Person „Baby Joe“, die nie existierte und die niemals in der Welt war. Was für eine gruselige Auffassung von Recht.

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8 Kommentare zu “Embryo als natürliche Person vor Gericht anerkannt”

  1. Embryo, Fötus, Zellhaufen, medizinischer Vorgang, Hygiene, usw. – ältester Trick im Buch: Entmenschliche, wen du ohne Gewissenbisse umbringen willst.

    Man kann das machen und dann auch einfach noch weiter gehen, wie die Nihilisten in den USA und »post birth abortions« fordern und den »Zellhaufen« dann entsorgen. Man hat dann aber jegliches moralischen Standbein verloren. Das da Leben ist – pah! Sentimentaler Kinderkram! Die Rechte der Frau!!1!! Du kannst Dir das gerne progressiv schön reden, habe ich als ehemaliger Linker ja auch so gesehen. Ich halte das mittlerweile aber für ein finsteres Zeitalter. Ein Fortschritt, ja. Aber wohin? Das ist einfach: Ins Nichts.

    Aber der Scheiß Borkenkäfer ist dann doch plötzlich lebenswertes Leben. Da darf dann kein Baum angerührt werden und unsere Feministinnen geraten auf Demos zur Rettung desselben in unkontrollierte Raserei.

    Eine Gesellschaft, die das Töten ihrer Kinder glorifiziert.
    In der Frauen Geld für’s nicht-Kinder kriegen fordern.
    Finster.

    Ich sage ja, René: Endzeit.
    Lasst es brennen!

    1. Du vergleichst nicht valide Extrema: „Post Birth“ ist Neusprech für Kinder. Das ist keine Forderung „der Linken“, sondern linke Einzelmeinungen, die meines Erachtens keinerlei Beachtung wert sind. Übrigens haben die Jusos keine Abtreibung bis zum 9. Monat gefordert, nur um Dir da zuvorzukommen. https://correctiv.org/fakten-check/2018/12/14/nein-die-jusos-haben-keine-regelung-fuer-schwangerschaftsabbrueche-bis-zum-neunten-monat-beschlossen-2

      Ganz nebenbei gibt es eine rechte Entsprechung, deren Name mir entfallen ist und auf der Auslöschung nicht lebenswerten Lebens basiert. Du kennst Dich da besser aus als ich.

      Auf der anderen nimmst Du das Ei nach der Befruchtung und stellst es mit eben jenem Kind gleich. Du begehst denselben Fehler wie der Richter und basierst Dein Rechtsempfinden auf Glauben. Dabei klammerst Du den kompletten Werdungsprozess aus. Das ist keine progressive Schönrederei, sondern eine biologische Tatsache: Die Schwangerschaft und die Geburt sind ein Übergang von einem Körper zum nächsten, die Erschaffung von Leben aus einem anderen. Die Frau hat im Augenblick der Befruchtung nicht alle Rechte abgegeben, aber der Fötus gewinnt im Verlauf der Schwangerschaft an „Menschsein“ und damit auch ab einem gewissen Punkt Rechte. Wann dieser Punkt gegeben ist, ist strittig, aber er liegt weder bei 0 noch bei 100%. Damit haben Schwangere das Recht auf ihren Körper und Du hast weder die philosophischen Mittel noch eine valide Glaubensgrundlage, um dieses Recht abzusprechen.

      Damit bleibt Dir nur apokalyptisches Geschwätz, aber zu mehr biste ja nicht in der Lage. Ich dachte, bei Dir wäre mehr Schmackes zwischen den Ohren. Schade.

      1. Dieses komplette Ignorieren des Prozesses zeigt sich ja auch in der Notwendigkeit, dem Embryo einen “Namen” zu geben. Niemand sonst würde zu dem Zeitpunkt einen Namen geben. Dies dient natürlich genau dazu das mögliche Ergebnis (ein Kind mit Namen und ergo Identität) vorwegzunehmen.

    2. Und wenn das ausgetragene Kind aus Afrika oder Vorderasien kommt, dann drehst du eine Haltung um 180° und verweigerst jegliche Unterstützung wenn dieses vor Krieg, Hunger oder Unterdrückung flieht.

      Nur weil etwas deinem antifemistischen Ideologie dient. Ansonsten ist die das Leben eines menschen doch scheißegal.

      Hast du schonmal überlegt einfach nach Trump-Land auszuwandern? Dort ist deine Heuchelei und Bigotterie viel verbreiteter als hier.

  2. Wenn ich Richter wäre, dann:

    Ich finde den Satz ganz interessant: “Eine Jugendliche wird schwanger… (laut ihrem Vater wollte sie nicht einmal Sex mit dem Hauptkläger haben…”

    Das würde mich erst einmal vermuten lassen, das die Beratung der Minderjährigen und evtl. auch die des Hauptklägers nicht neutral gewesen ist. Wenn ich alle Fallmöglichkeiten durchgehe, wäre auch der Vater der Minderjährigen ein Hauptschuldiger.

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