Das älteste Proto-Schreibsystem der Welt

Genevieve von Petzinger katalogisiert seit ein paar Jahren die abstrakten Zeichen, die man neben den 50.000 Jahren alten Höhlenmalereien in Frankreich und Spanien findet, die als die ältesten grafischen Symbole der Welt gelten und gemeinhin als der Beginn der Abstraktionsfähigkeit des Menschen angesehen werden.

Damals begann der Mensch nicht mehr nur Objekte direkt wahrzunehmen, sondern ein komplexitätsreduziertes Abbild davon zu erinnern und damit spielerisch umzugehen. Seitdem kann der Mensch ein Pferd an eine Wand malen, das auf seine wesentlichen Merkmale reduziert ist: 4 Beine, Schweif, Mähne, langer Hals und Pferdekopf. Man verortete diesen Quantensprung der menschlichen Entwicklung bislang bei circa 50.000 Jahren vor unserer Zeitrechnung.

Die abstrakten Symbole neben diesen Malereien sind allerdings keine Abbildungen von Objekten, sondern abstrakte Symbole von Bedeutung. Sie sind ein Proto-Schreibsystem, möglicherweise Kombinationen abstrakter Stammes-Abzeichen und Zahlen-Symbolen, und sie deuten darauf hin, dass der Quantensprung der Abstraktionsfähigkeit des Menschen zum Zeitpunkt der Fähigkeit zur bildlichen Abbildung seiner Umwelt bereits weit fortgeschritten war. Bevor ein Mensch ein Symbol für eine Zahl und ein Pferd malen kann, muss er in seinem Denken die Fähigkeit entwickeln, eine Herde von Pferden in ihre Bestandteile zu zerlegen und zu abstrahieren, zunächst in eine Zahl und das Pferd, dann in die Symbole für die Zahl und das Pferd. Erst dann kann er beginnen, diese Symbole an die Wand zu malen.

Das wiederum deckt sich mit einer Theorie von Paläoanthropologe Ian Tattersall, der davon ausgeht, dass die Entwicklung von Sprache und abstraktem Denken kein langwieriger, gradueller Prozess war, der über hunderttausende Jahre stattfand, sondern ein abruptes, plötzliches Ereignis in der Geschichte des Menschen, das über ein paar tausend Jahre die komplette Entwicklung rasant beschleunigte und irgendwann zwischen 100.000 und 50.000 Jahren vor unserer Zeitrechnung stattfand, genau der Zeitraum, in dem die Symbole von von Petzinger aufkamen und die sich seitdem in alle Richtungen weiterentwickelten, eben bis zu den Schriften, die wir heute kennen.

Dieses Proto-Schriftsystem, das erst seit 10 Jahren von Genevieve von Petzinger systematisch erforscht wird und das frühe Hinweise auf die Entwicklung des abstraktionsfähigen Denkens in Symbolen und Abbildungen darstellt, ergibt für mich vor allem zusammen mit dieser Theorie des „plötzlichen Spracherwerbs“ Sinn. Mir erscheint, diese Entwicklungen bedingen einander und der Erwerb der Sprache wurde durch die Entwicklung dieser grafischer Symbole mindestens unterstützt, wenn nicht sogar symbiotisch ergänzt.

Ein weiterer Hinweis darauf sind die bis heute gültigen verbesserten Lernfähigkeiten durch Handschrift: Wer Dinge aufschreibt, denkt besser und der mechanische Prozess der Handschrift untertützt durch die zusätzliche Befeuerung im Hirn der „Motorik-Neuronen“ den Lernprozess. Mir erscheint das ein evolutionäres Überbleibsel der Ursprünge des abstrakten Denkens.

Jedenfalls: Genevieve von Petzinger katalogisiert seit ein paar Jahren die abstrakten Zeichen, die man neben den 50.000 Jahren alten Höhlenmalereien in Frankreich und Spanien findet. Hier ein alter Artikel im New Scientist, unten ein TED-Talk zu dazu.

Perhaps the most startling finding was how few signs there were – just 32 in all of Europe. For tens of thousands of years, our ancestors seem to have been curiously consistent with the symbols they used. This, if nothing else, suggests that the markings had some sort of significance. “Of course they mean something,” says French prehistorian Jean Clottes. “They didn’t do it for fun.” The multiple repetitions of the P-shaped claviform sign in France’s Niaux cave “can’t be a coincidence”, he argues.

Thanks to von Petzinger’s meticulous logging, it’s now possible to see trends – new signs appearing in one region, sticking around for a while before falling out of fashion. Hand stencils, for example, were fairly common in the earliest parts of the Upper Palaeolithic era, starting 40,000 years ago, then fall out of fashion 20,000 years later. “You see a cultural change take place,” says von Petzinger. The earliest known penniform is from about 28,000 years ago in the Grande Grotte d’Arcy-sur-Cure in northern France, and later appears a little to the west of there before spreading south. Eventually, it reaches northern Spain and even Portugal. Von Petzinger believes it was first disseminated as people migrated, but its later spread suggests it then followed trade routes.

The research also reveals that modern humans were using two-thirds of these signs when they first settled in Europe, which creates another intriguing possibility. “This does not look like the start-up phase of a brand-new invention,” von Petzinger writes in her recently published book, The First Signs: Unlocking the mysteries of the world’s oldest symbols (Simon and Schuster). In other words, when modern humans first started moving into Europe from Africa, they must have brought a mental dictionary of symbols with them.

That fits well with the discovery of a 70,000-year-old block of ochre etched with cross-hatching in Blombos cave in South Africa. And when von Petzinger looked through archaeology papers for mentions or illustrations of symbols in cave art outside Europe, she found that many of her 32 signs were used around the world (see “Consistent doodles”). There is even tantalising evidence that an earlier human, Homo erectus, deliberately etched a zigzag on a shell on Java some 500,000 years ago. “The ability of humans to produce a system of signs is clearly not something that starts 40,000 years ago. This capacity goes back at least 100,000 years,” says Francesco d’Errico from the University of Bordeaux, France.

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