Die Ethik der Aufmerksamkeit in verschränkten Unendlichkeiten des digitalen Publishings

14. März 2019 19:18 | #Journalismus #Medien #synch

Meedia hat eine Essaysammlung über „Werteorientierte Digitalisierung“ am Start, besonders stichhaltig finde ich die beiden Texte von Frederik Fischer und Björn Staschen, die sich meines Erachtens prima ergänzen. Wo Fischer eine „Ethik der Aufmerksamkeit“ für Publishing fordert, möchte Staschen die Nachrichten aus „der Linearität“ befreien und meint damit einfache Qualitätsansprüche an die Meldung selbst. Nicht jeder Mumpitz ist berichtenswert und das Netz befreit vom Druck, zu jeder vollen Stunde ein Bündel mit Nachrichten bereit haben zu müssen. Im Netz kann man in variablen Längen und zu allen Zeiten publizieren und wenn die Nachrichtenlage zum Zeitpunkt nur aus einer durchsichtigen Provokation besteht, dann ist die Nichtveröffentlichung der bessere Weg, was dann wiederum Fischers „Ethik der Aufmerksamkeit“ entspräche.

Gleichzeitig erzeugt das Netz mit diesem Ansatz ein Dilemma, da Unendlichkeiten miteinander agieren. Das Netz besteht praktisch aus unendlich vielen Publishern, diese haben unendlich viel Veröffentlichungs-Raum und treffen auf potenziell unendlich viel Aufmerksamkeit. Selbst wenn sich also 99,999% aller Journalisten auf eine „Ethik der Aufmerksamkeit“ einigen, die unter anderem dazu führt, nur noch dann zu veröffentlichen, wenn es etwas zu sagen gibt, dann erobern die restlichen 0,0001% der Publisher den Markt zum gegebenen Zeitpunkt, denn der „messbare Erfolg“, von dem Daniel Bröckerhoff in diesem Text richtig aber apologetisch schreibt, sind nach wie vor Likes und Page Impressions. Eine „Ethik der Aufmerksamkeit“ braucht also nicht nur einen neuen Berufs-Ethos für Publisher, sondern auch neue Bemessungsgrundlagen der Qualität.

Die verschränkten Unendlichkeiten und deren Wirkung auf den Markt sowie die granulare Vermessung der Leser bilden das digitale Dilemma des Journalismus und eine Ethik der Aufmerksamkeit müsste für beide Aspekte neue Ansätze formulieren.

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