Facebooks Entwertung von Publishern führte zur Dominanz eines aggressiveren Fox News

Vor einem Jahr änderte Facebook den Algorithmus seines News-Feeds um Publisher und Nachrichten zu entwerten und die Postings von Freunden und Familien sichtbarer zu machen, um „sicher zu gehen, dass die auf Facebook verbrachte Zeit eine gut verbrachte Zeit ist“ und um den Leuten zu „bedeutungsvolleren soziale Interaktionen“ zu verhelfen (Zitate: Mark Zuckerberg). Das Ergebnis ist ein News-Feed, in dem das Engagement (also Likes/Reaktionen und Kommentare) stark angewachsen sind mit Fox News als reaktionsfreudigstem Outlet. Dazu hat Fox News die meisten wütenden Reaktionen und zwar mit gewaltigem Abstand.

NiemanLab: One year in, Facebook’s big algorithm change has spurred an angry, Fox News-dominated — and very engaged! — News Feed

A new report from social media tracking company NewsWhip shows that the turn toward “meaningful interactions” has:

– pushed up articles on divisive topics like abortion, religion, and guns;
– politics rules; and
– the “angry” reaction (😡) dominates many pages, with “Fox News driving the most angry reactions of anyone, with nearly double that of anyone else.”

Die Facebook-Pages mit dem höchsten prozentualen Anteil von wütenden Reaktionen sind eine Mischung aus Gossip, progressiven News (DailyKOS), Tierschutz, konservativer Clickbait (Newsbusters) und Seiten von Abtreibungsgegner. Mir scheint das vor allem dem Aufmerksamkeits-Wettbewerb kleinerer Publisher geschuldet, die ein Stück vom Engagement-Kuchen abhaben wollen. Gleichzeitig sind politische Inhalte mit einem Drittel der reaktionsfreudigsten Postings die dominantesten auf Facebook. Interessant: Außerhalb politischer News machen wütende Reaktionen weniger als 1% des Engagements aus.

Die Betonung von privater Kommunikation führte also anscheinend zu einer aggressiveren, kontroverseren Publishing Taktik von Fox News, die mit dieser Strategie den politischen Diskurs im Informationsraum Facebook dominieren und vor allem Wut hervorrufen. Zorn ist also nach wie vor die treibende Kraft für Viralität und Engagement im Online-Publishing, allerdings nur für die politische Berichterstattung.

Vor vier Jahren stellte ich im Rahmen eines langen Textes über Gamergate die These auf, dass die Auseinandersetzung um polarisierende und politische Themen den digitalen Kommunikationsraum zunehmend vergiftet, was relativ simplen psychologischen Reaktionen (Fight and Flight) in Kombination mit sensationalistischem Journalismus in einer neuartigen Medienumgebung und den ihr eigenen Verteilungsmechanismen geschuldet ist. Dieser Bericht bestätigt diese These.

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4 Kommentare zu “Facebooks Entwertung von Publishern führte zur Dominanz eines aggressiveren Fox News”

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  1. ich fänd spannend, wie du das weltweite zensur-/moralredaktions-verhalten nach dem neuseeland-attentat analysieren würdest.

    das live-video wurde
    a) gemacht
    b) geteilt (auch von newsrooms)
    c) nach einiger zeit verboten

    welche plattformen reagieren wie? wann? wieso?

    auch das verhältnis:
    nachfrage nach amokvideo/uploads moraldoktrin von „instanzen“

    1. Es gab ein interessantes OpEd irgendwo, das meinte, der Livestream hätte zu weniger Fakes und weniger Polarisation geführt, weil jeder sehen konnte, wie unfassbar grausam die Tat war. Ich bin zwiegespalten und tendiere zum Verbot, nicht zuletzt auch aus Pietät gegenüber den Opfern und ihren Angehörigen. Gleichzeitig ist das Video verfügbar, nur eben nicht auf Social Media, sondern per Torrent oder im Darkweb. Müssen sich die nihilistischen Zyniker von 4chan (denen hoffentlich bald die Plattform plattgemacht wird) eben anstrengen für ihren Todeskult-Fix.

      1. Besteht bei einem Verbot nicht die Gefahr zum sauberen Terror, so wie beim sauberen Krieg?
        Mir persönlich kommt es so vor, das Plattformen (4ch, 8…, usw) durch die Berichterstattung hinsichtlich der Viralität schub bekommen haben. Anstatt wie üblich über die Psyche des Täters als Hauptpunkt zu sprechen und zu schreiben.
        Letzteres halte ich für wesentlich sinnvoller um Trittbrettfahrer zu vermeiden.