Angesichts des Klimawandels brauchen wir einen Ökologischen Kapitalismus

Ich bin nicht davon überzeugt, dass der Klimawandel nur durch eine „Überwindung des Kapitalismus“ zu bewältigen ist, wie es Phil McDuff im Guardian einmal mehr vorschlägt: Ending climate change requires the end of capitalism. Have we got the stomach for it?

This is a tough and bitter pill to swallow for the political professionals whose feet are firmly under the table. It is increasingly obvious that all their tactics have done almost nothing except run down the clock, but still they insist that it’s the young who just don’t get it and that things aren’t that simple. They’re the living embodiment of the famous New Yorker cartoon, with a suited man sat in a post-apocalyptic landscape telling his young audience “Yes, the planet got destroyed. But for a beautiful moment in time we created a lot of value for shareholders.”

Ich fürchte, die alten linken Sprüche von der „Überwindung des Kapitalismus“ sind angesichts der Herausforderung des Klimawandels genauso anachronistisch, wie das neoliberale Dogma des Wachstums und des unregulierten Marktes.

Tomasz Konicz vertritt auf Telepolis in seiner ansonsten klugen Betrachtung der juristischen Konsequenzen für „Klimaschänder“ ebenfalls nur die verkürzte, klassisch antikapitalistische Sicht auf das globale Handelssystem als „fetischistisches System“, dessen Eigendynamik „blind ist gegenüber all den sozialen und ökologischen Folgen seines Wachstumszwangs“.

Das kapitalistische System ist als eben das zu begreifen, was es ist, als ein fetischistisches System. Dies bedeutet vor allem, die Eigendynamik des Kapitals zur Kenntnis zu nehmen. Die Funktionseliten exekutieren nur die Verwertungsbewegung des Kapitals, das blind ist gegenüber all den sozialen und ökologischen Folgen seines Wachstumszwangs. Folglich setzen sich in der Konkurrenz auf den Märkten diejenigen Subjekte oder Konzerne durch, die möglichst effektiv Mensch und Natur ausbeuten, um möglichst hohe Profite zu realisieren.

Anklagen gegen einzelne Vertreter dieser Funktionseliten könnten somit von der wahren Herausforderung ablenken, die sich im Zusammenhang mit der Klimakrise der Menschheit stellt: der überlebensnotwendigen, grundlegenden Systemtransformation der spätkapitalistischen Gesellschaften. Der irrationale kapitalistische Wachstumszwang, der auf globaler Ebene eine zerstörerische Eigendynamik beizt, muss überwunden werden. Die Überführung des Kapitalverhältnisses in die Geschichte ist die conditio sine qua non jedes weiteren menschlichen Zivilisationsprozesses.

Prozesse gegen die verantwortlichen Funktionsträger innerhalb der fossilen Industrien, deren subjektives Handeln die objektiven Verwertungszwänge des Kapitals exekutierten, können sinnvoll sein, um politischen Druck aufzubauen im Rahmen einer grundlegenden Transformationsbewegung.

Für mich stellt sich an diesem Punkt nicht die Frage nach einem alternativen globalen Handelssystem, sondern nach einer Einbewertung der sozialen und ökologischen Folgen, die ebenfalls neue Felder von Wachstum erschließen können. Kapitalismus sollte meines Erachtens anders (und im Wortsinne) begriffen werden, mit neuen Werten und Begriffen ausgestattet und ergänzt werden, um den neuen Herausforderungen zu begegnen.

Denkbar ist ein neuer Wertbegriff für Energie selbst, die an geographische Entfernungen gekoppelt werden kann. So wird Öl aus dem Nahen Osten, der lange Wege nach Detroit auf sich nimmt, um dort verfeuert zu werden, teuer, während lokal generierte Solarenergie billiger wird. Nur ein simpler Mechanismus, der allerdings viele Prämissen des derzeitigen angeblichen Kapitalismus auf den Kopf stellt.

Ich bin weder Ökonom noch Ökologe, ich habe nichts studiert und mag Splatterfilme. Aber mir ist unbegreiflich, wie sich Denker und Ökonomen seit Jahren genauso im Kreis bewegen, wie die angeblich bösen Kapitalisten, während wir sehenden Auges in den Abgrund schlittern, gefangen von einem scheinbar unreformierbaren System, das tatsächlich genug Schaltstellen und Mechanismen bietet, um dieses System auf völlig andere Werte und Güter „umzuprogrammieren“.

Dazu ist es wahrscheinlich wirklich nötig, die alte „kapitalistische Funktionselite“ zu entmachten und dafür sind meines Erachtens juristische Mittel, die auch Konicz auf Telepolis aufzeigt, mehr als geeignet. Mit neuen Generationen von Politikern und Ökonomen lässt sich dann ein Handelssystem entwickeln, das Marktdynamik aufgreift, die unter neuen Prämissen dem Wohl des gesamten Ökosystems dienen kann, in dem es Werte neu formuliert und damit Wachstum neu begreift. Dazu braucht es kein neues Wirtschaftssystem, sondern neue Denkweisen und Modelle für einen neuen Ökologischen Kapitalismus.

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