Götter sind eine komplexitätsreduzierende Funktion der Gesellschaft

Bislang gingen Anthropologen davon aus, dass die Erschaffung von Gottheiten und damit der Mechanismus einer per Religion induzierten kollektiven Moral der Bildung von großen Gemeinschaften und Gesellschaften vorausging. Tatsächlich ist es umgekehrt: Menschliche Gruppen schlossen sich zunächst zu großen Gemeinschaften und Gesellschaften zusammen und dann erst entstanden sogenannte „Big Gods“, also bestrafende Götter, die gültige moralische Regeln aufstellten.

Wichtig ist die Unterscheidung zwischen allgemeiner Religiosität, also dem Glauben an „allgemein übersinnliche Kräfte“, wozu auch der glaube an eine beseelte Natur gehört (Wolfsgötter, Steingötter, Baumgötter und so weiter) und dem glauben an „Big Gods“, wie etwa dem Olymp der Griechen mit Göttern, die Regeln für die Geschicke der Menschheit aufstellen.

Ich vermute eine Wechselwirkung, nach der die Entwicklung menschlicher Abstraktionsfähigkeit zum Glauben an „übersinnliche Kräfte“ führte, mit denen man Naturphänomene rationalisieren konnte. Die Abstraktionsfähigkeit und der Glaube an eine Meta-Physik ermöglichte es dann Menschen wiederum, Gemeinschaften durch kollektive Erzählungen und Mythologien zu erzeugen, die weit über die normale Gruppengröße von ein paar Dutzend Menschen hinausging. Diese kollektiven Erzählungen wurden in ritualistischen Praktiken weitergegeben, die im Paper von Patrick Savage explizit der Entwicklung einer gemeinsamen Identität und Kooperation zugeschrieben werden.

Diese ritualistisch hervorgerufene Kooperation führte im Zuge der Entwicklung der Landwirtschaft am Ende der letzten Eiszeit zur Herausbildung großer, komplexer Gesellschaften und in diesen neuen Gemeinschaften halfen die „Vorstellungsfähigkeit einer übersinnlichen, metaphysischen Welt und allmächtiger Wesen“ schließlich dabei, diese neue soziale Komplexität durch neue Mythen erfahrbar zu machen. So entstanden „moralisierende Gottheiten“, die Gesellschaften durch Komplexitätsreduktion zusammenhalten.

Moderne Religion scheint also eine komplexitätsreduzierende Funktion moderner Gesellschaften zu sein und der Sozialität des modernen Menschen inhärent. (Dazu hätte ich gerne ein Statement von Richard Dawkins.)

Live Science: When Ancient Societies Hit a Million People, Vengeful Gods Appeared

Paper: Complex societies precede moralizing gods throughout world history

The origins of religion and of complex societies represent evolutionary puzzles. The ‘moralizing gods’ hypothesis offers a solution to both puzzles by proposing that belief in morally concerned supernatural agents culturally evolved to facilitate cooperation among strangers in large-scale societies. Although previous research has suggested an association between the presence of moralizing gods and social complexity, the relationship between the two is disputed, and attempts to establish causality have been hampered by limitations in the availability of detailed global longitudinal data. To overcome these limitations, here we systematically coded records from 414 societies that span the past 10,000 years from 30 regions around the world, using 51 measures of social complexity and 4 measures of supernatural enforcement of morality.

Our analyses not only confirm the association between moralizing gods and social complexity, but also reveal that moralizing gods follow—rather than precede—large increases in social complexity. Contrary to previous predictions, powerful moralizing ‘big gods’ and prosocial supernatural punishment tend to appear only after the emergence of ‘megasocieties’ with populations of more than around one million people. Moralizing gods are not a prerequisite for the evolution of social complexity, but they may help to sustain and expand complex multi-ethnic empires after they have become established. By contrast, rituals that facilitate the standardization of religious traditions across large populations25,26 generally precede the appearance of moralizing gods. This suggests that ritual practices were more important than the particular content of religious belief to the initial rise of social complexity.

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2 Kommentare zu “Götter sind eine komplexitätsreduzierende Funktion der Gesellschaft”

  1. Und korrelierend mit immer geringerer Teilnahme an Religion wächst die gefühlte Überforderung des Menschen mit unserer ach so komplexen Welt 😉
    Wobei die Frage ist, ob wir mit “Geld” oder “sozialer Marktwirtschaft” nicht längst eine neue komplexitätsreduzierende Religion gefunden haben. Sie in Frage zu stellen grenzt jedenfalls an Ketzerei.

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