Techlash vs. Technoutopie

Cory Doctorow über Techno-Utopismus und Techlash vs. Technoutopie – Warum wir die digitale Welt unbedingt demokratisieren müssen: „Seltsamerweise wurden alle, die sich mit solchen Dingen beschäftigten, als ‘Technoutopisten’ bezeichnet. Allerdings kommt mir jemand, der beständig davor warnt, dass selektives Routing, proprietäre Software und Dateiformate sowie versteckte Zugriffsmöglichkeiten für Regierungsbehörden in eine Ära des Netzwerktotalitarismus führen, nicht gerade wie ein Utopist vor.“

Ich kaufe Corys Argument nicht so ganz. Techno-Utopisten wurden nicht deshalb Techno-Utopisten genannt, weil sie vor etwas warnen, sondern weil sie daran Glauben, dass offene Netztechnologie automatisch zu mehr Demokratie führt und zu einer „Post-Knappheits“-Wirtschaft. Ich denke, dieser Glaube ist ein Irrglaube und er übersieht starke psychologische Effekte eines allumfassenden Netzwerks.

Cory selbst unterstützt meine These, allerdings nicht freiwillig: „Die Vision der ‘Technoutopisten’ ist eine demokratische: Jeder kann dazu beitragen, die Zukunft zu gestalten, indem er die Systeme um sich herum nach seinen Bedürfnissen reorganisiert und rekonfiguriert. Der Techlash dagegen strebt eine konstitutionelle Monarchie an, in der wir es als gottgegeben hinnehmen, dass Konzerngiganten wie Google, Amazon, Facebook und Apple über unsere Technik bestimmen, und glauben, einzig die Aristokratie – also die Technokraten der Regulierungsbehörden – hätte die Macht, diesen Monarchen (in bescheidenem Umfang) ihre Grenzen aufzuzeigen.“

Wenn jeder die Systeme um sich herum nach seinen Bedürfnissen reorganisieren kann und die erforderlichen Skills dafür mitbringt, hat jeder die Möglichkeit, die Wahrnehmung und Realität seiner Mitmenschen allumfassend zu manipulieren. Genau das sehen wir heute. Bad Actors können sowohl Individuen als auch ganze Systeme (wie etwa “westliche Demokratien”) ins Visier nehmen und ihre konstitutionelle Verfassung nachhaltig stören. Im Fall von Individuen ist diese konstitutionelle Verfassung die menschliche Psyche, im Fall von Demokratien ist es das Vertrauen in die Institutionen.

Corys angeblich nicht vorhandener Techno-Utopismus hat keinerlei Lösungsansätze für diese psychologischen Netzwerk-Effekte, sondern funktioniert auf einer rein mechanistischen Ebene der Legislatur, Code und Technik. Das reicht zumindest mir im Jahr 2019 nicht mehr.

Nerdcore veröffentlicht seit mehr als 12 Jahren Analysen und Dokumentationen zu Memetik, Netz-Soziologie und digitalen Subkulturen, garniert mit jeder Menge Kunst, Entertainment und Unfug. Nerdcore prägte die deutsche Netzkultur maßgeblich, initiierte die erste deutsche Meme, ging Frau Merkel mit Flashmobs auf die Nerven und manche Menschen behaupten, ich würde ab und zu gute Arbeit abliefern.

Die Website ist seit 2017 werbefrei und wird aus Spenden und Abonnements finanziert. Um den Betrieb der Seite und meine Vollzeitstelle zu sichern, könnt ihr gerne ein Abonnement auf Patreon oder Steady abschließen oder mir eine einmalige Spende oder einen Dauerauftrag per Paypal oder auf mein Konto (IBAN DE05100100100921631121) zukommen lassen.

Vielen Dank an alle Leser und Unterstützer dieses Blogs.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.