Trigger-Warnungen funktionieren nicht/anders als man denkt

Ein neues Paper bestätigt die Ergebnisse einer 2018er Studie, laut denen Trigger- oder Content-Warnungen nicht funktionieren beziehungsweise sogar einen gegenteiligen Effekt hervorrufen. Probanden waren nach der Rezeption von Texten mit Trigger-Warnungen aufgewühlter, als nach der Rezeption derselben Texte ohne Trigger-Warnung und TW lösen Angstgefühle aus.

Man kann argumentieren, dass die Gruppe linker Identitätspolitiker mit verhältnismäßig mehr „Survivors“ (also Opfer von sexualisierter oder rassistisch motivierter Gewalt) vernetzt ist. Aber selbst unter Leuten, die Gewalt erfahren haben, vor denen in TWs gewarnt wird, ist der erwünschte Effekt „trivially small“.

Trigger-Warnungen bleiben trotz dieser nachweislichen Effekte in Kreisen linker, identitätspolitisch engagierter Aktivisten äußerst populär. Ich denke, dass Trigger-Warnungen nicht als tatsächliches Label für Inhalte benutzt werden, sondern als Social Signifier, die Gruppenzugehörigkeit kommunizieren: „Schaut her, ich kenne die Rituale und Praxen der Gruppe, ich kann Gewalt und ‘problematische’ Inhalte identifizieren, ich bin eine von Euch.“

[update] Berechtigter Einwand von Martin Tiberius Wagner auf Facebook: „Verstehe ich das richtig, dass der Fall ‘Person nimmt die Warnung ernst und liest den Text zu einem ihr unangenehmen Thema gar nicht erst.’ dabei nicht untersucht wurde?“ Das ist korrekt, der Fall wurde nicht untersucht, lediglich die Rezeption unterschiedlich negativer Texte mit und ohne Trigger-Warnung. Da TWs für den Einzelfall benutzt werden, in dem eine Rezeption vermieden werden soll, ist die Studie für diesen Fall nicht anwendbar. Fair enough. Ich bleibe aber dennoch bei meiner prinzipiellen Haltung, denn Medienrezeption ist keine Therapie.

NYTimes: Trigger Warnings May Not Do Much, Early Studies Suggest
Paper: Trigger Warnings Are Trivially Helpful at Reducing Negative Affect, Intrusive Thoughts, and Avoidance

Abstract
Students are requesting and professors issuing trigger warnings—content warnings cautioning that college course material may cause distress. Trigger warnings are meant to alleviate distress students may otherwise experience, but multiple lines of research suggest trigger warnings could either increase or decrease symptoms of distress. We examined how these theories translate to this applied situation. Across six experiments, we gave some college students and Internet users a trigger warning but not others, exposed everyone to one of a variety of negative materials, then measured symptoms of distress. To better estimate trigger warnings’ effects, we conducted mini meta-analyses on our data, revealing trigger warnings had trivial effects—people reported similar levels of negative affect, intrusions, and avoidance regardless of whether they had received a trigger warning. Moreover, these patterns were similar among people with a history of trauma. These results suggest a trigger warning is neither meaningfully helpful nor harmful.

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