Über digitale Kultur-Devolution

Vanity Fair bereits vor sieben Jahren über eins meiner Lieblingsthemen, die große kulturelle Stagnation: You Say You Want a Devolution? Der Artikel stellt die Hypothese auf, dass auf den Feldern der Technologie, Politik und Wirtschaft so viel neues passieren würde, dass die Menschen keine Aufnahmekapazitäten für neuartige Kultur übrig haben. Abwegig ist das nicht, erklärt dieser Ansatz doch auch den Retro-Wahn, der praktisch gleichzeitig mit den turbulenten Post-9/11-Zeiten ausbrach, die einen Eskapismus in bekannte Wohlfühlwelten auslösten.

Ich bleibe dennoch bei meiner Behauptung, dass dies auch ein Effekt der Digitalisierung selbst ist, in der vor allem digitalisierte Vergangenheit große Teile der vernetzten Ästhetik bildet, die durch Sichtbarkeit von unendlich vielen Bild- und Klangwelten aus allen Epochen und Jahrzehnten bestimmt wird. Wer braucht denn noch wirklich neuartige musikalische Genres, wenn elektronische Samples und Effekte jeden Klang erzeugen können, der von jedem Sequenzer in jeder Rythmik und Komposition wiedergegeben werden kann? Wer braucht neue Bildwelten, wenn Image-Feeds auf Social Media alle Bilder liefern, künstlich erzeugt mit Photoshop oder nicht?

Die letzten musikalische Innovationen, die mir einfallen, sind Vapourwave und poststruktureller Noise-Pop a la Sophie. Das eine maximal rückwärtsgewandt, das andere eine praktisch völlige Auflösung des Konzepts Genres selbst. Postmoderner Grey Goo. Die letzte innovative Bildwelt war, denke ich, User Generated Content in Form von Bildern (Selfies), die vor allem durch ihre Masse bestach, in der das Individuum zum Noise-Partikel wurde. Selbst der Normcore, eine quasi eigenschaftslose Mode-Erscheinung, ist bereits 10 Jahre alt und eine neue Ästhetik ist weit und breit nicht auszumachen, abgesehen vom Wiederaufbrechen alter ideologischer Konfliktlinien, die im neuen Jahrtausend neu gezogen werden.

Das Digitale hat ästhetischen Fortschritt durch ästhetische Überflutung abgewürgt, wobei ich nicht sagen kann, ob dieser seltsame Zustand des Stillstands nicht tatsächlich ein Normalzustand ist und die ästhetischen Exzesse der Jahre von, sagen wir mal, 1920 bis 1990, also von der gesellschaftlichen Verbreitung der Elektrizität und den damit einhergehenden Möglichkeiten, bis zur elektronischen Verarbeitung und Herstellung von Information selbst, nicht tatsächlich die Ausnahme in einem historisch einmaligen Sturm der Innovation.

Jedenfalls, guter Artikel, Vanity Fair, sieben Jahre alt, merkt man gar nicht: You Say You Want a Devolution?

Since 1992, as the technological miracles and wonders have propagated and the political economy has transformed, the world has become radically and profoundly new. (And then there’s the miraculous drop in violent crime in the United States, by half.) Here is what’s odd: during these same 20 years, the appearance of the world (computers, TVs, telephones, and music players aside) has changed hardly at all, less than it did during any 20-year period for at least a century. The past is a foreign country, but the recent past—the 00s, the 90s, even a lot of the 80s—looks almost identical to the present. This is the First Great Paradox of Contemporary Cultural History. […]

try to spot the big, obvious, defining differences between 2012 and 1992. Movies and literature and music have never changed less over a 20-year period. Lady Gaga has replaced Madonna, Adele has replaced Mariah Carey—both distinctions without a real difference—and Jay-Z and Wilco are still Jay-Z and Wilco. Except for certain details (no Google searches, no e-mail, no cell phones), ambitious fiction from 20 years ago (Doug Coupland’s Generation X, Neal Stephenson’s Snow Crash, Martin Amis’s Time’s Arrow) is in no way dated, and the sensibility and style of Joan Didion’s books from even 20 years before that seem plausibly circa-2012. […]

new technology has reinforced the nostalgic cultural gaze: now that we have instant universal access to every old image and recorded sound, the future has arrived and it’s all about dreaming of the past. Our culture’s primary M.O. now consists of promiscuously and sometimes compulsively reviving and rejiggering old forms. It’s the rare “new” cultural artifact that doesn’t seem a lot like a cover version of something we’ve seen or heard before. Which means the very idea of datedness has lost the power it possessed during most of our lifetimes. […]

In our Been There Done That Mashup Age, nothing is obsolete, and nothing is really new; it’s all good. I feel as if the whole culture is stoned, listening to an LP that’s been skipping for decades, playing the same groove over and over. Nobody has the wit or gumption to stand up and lift the stylus.

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