Niklas Luhmanns Zettelkasten als Online-Datenbank

Im Rahmen des neuen Projekts „Niklas Luhmann – Theorie als Passion“ haben die Soziologische Fakultät der Universität Bielefeld und das Cologne Center for eHumanities den „Zettelkasten“ des wohl bekanntesten Systemtheoretikers als Online-Version ins Netz gestellt.

Ein Zettelkasten ist eine verschlagwortete, systematische Sammlung von Informations-Schnippseln auf, nun ja, Zetteln. Heute ist im Prinzip jedes thematisch geführte Blog mit Verschlagwortung ein Zettelkasten, Twitter und seine #Hashtags könnte man als kollektiven Zettelkasten bezeichnen und Nerdcore ist ein Zettelkasten voller seltsamer Dinge.

Luhmanns Zettelkasten war gleichsam ein früher Hypertext-Prototyp, die Zettel waren „vernetzt“ und enthielten „Links“. So verweist etwa der Zettelkasten-Zettel auf die „systematische Anknüpfung“ oder auf die „Einheit und Souveränität“ und behandelt den „Zettelkasten als kybernetisches System“. Das systematische Anlegen solcher verschlagworteter Informationshäppchensammlungen ist außerdem ein beliebtes Hobby zur Freizeitgestaltung von Soziolog:innen mit zuviel Zeit.

heise.de: Missing Link: Luhmanns Denkmaschine endlich im Netz

Der Zettelkasten des Soziologen Niklas Luhmann (1927-1998) ist nicht nur in Fachkreisen legendär. Rund 90.000 handschriftliche Notizen versammelte Luhmann im Laufe von fünf Jahrzehnten in dem hölzernen Büromöbel. Ihm ging es dabei um weit mehr als die Akkumulation von Gedanken, Zitaten und Literaturangaben: Ein ausgeklügeltes Anschluss- und Verweisungssystem machte seine Zettelsammlung zu einem “kompetenten Kommunikationspartner”, der Ideen und Überraschungen hervorbringt.

In rund 50 Monographien und 600 Aufsätzen hat Luhmann seine soziologische Systemtheorie ausbuchstabiert. Damit schuf er quasi im Alleingang eines der umfassendsten Theoriegebäude des 20. Jahrhunderts. So unterschiedliche Themen wie Kunst, Wissenschaft, Massenmedien und sogar Intimbeziehungen verhandelt die Systemtheorie in einem einheitlichen Begriffsrahmen.

Nach dem Geheimnis seiner beeindruckenden Produktivität befragt, antwortete Luhmann: “Ich denke ja nicht alles allein, sondern das geschieht weitgehend im Zettelkasten” und dass dieser ihn “mehr Zeit als das Bücherschreiben” koste. Die Bücher und Aufsätze erscheinen gleichsam als Kondensate und Manifestationen der im Kasten verzweigten und vernetzten Gedanken und Ideen. […]

Analog zur Struktur des Zettelkastens baut Luhmanns Systemtheorie nicht auf Axiome und bietet keine Hierarchien von Begriffen oder Thesen. Zentrale Begriffe sind, ebenso wie die einzelnen Zettel, stark untereinander vernetzt und gewinnen erst im Kontext Bedeutung. Trotzdem benennt Luhmann als eine folgenreiche “theoriebautechnische Entscheidung”: Soziale Systeme – von der Weltgesellschaft bis zum Friseurbesuch – bestehen nicht aus Menschen, Handlungen, Rollen oder gar physikalischen Objekten. Vielmehr ist Kommunikation “diejenige Operation, die ein soziales System … produziert, reproduziert und damit ausdifferenziert.”

Wir können mit Luhmann die Mediengeschichte als eine Ausweitung der Anschlussmöglichkeiten von Kommunikation beschreiben. Von der Schrift bis zum sozialen Netzwerk erleichtern Medientechniken zunehmend die Anknüpfung an Kommunikationen von räumlich oder zeitlich Abwesenden. Auch der digitalisierte Zettelkasten und die freie Bereitstellung fast aller Daten dürfte neue, faszinierende Anschlussmöglichkeiten an Luhmanns Kommunikationen eröffnen.

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