Studie: Starke Zunahme von Depressionen unter Jugendlichen durch Social Media

24. April 2019 20:21 | #Kinder #Psychologie #Social Media #synch

Psychologen der Uni San Diego unter der Leitung von Jean Twenge veröffentlichten ein neues Paper über Depressionen und Mental Health Issues unter Jugendlichen, in dem sie einen starken Anstieg seit 2011 feststellen und zwar vor allem unter Millennials, also den nach 1980 geborenen. Gleichzeitig stellten die Forscher einen signifikanten Anstieg von Stress und Selbstmordgedanken unter Jugendlichen fest.

Jean Twenge untersuchte Umfrageergebnisse von über 200.000 Jugendlichen im Alter von 12 bis 17 Jahren von 2005 bis 2017 und von fast 400.000 Erwachsenen im Alter von 18 Jahren und darüber von 2008 bis 2017. Die Zahl der Jugendlichen, die Symptome angaben, die auf eine schwere Depression hinweisen, stieg um 52 Prozent (von 8,7 auf 13,2 Prozent), der Anstieg unter jungen Erwachsenen (18-25 Jahre) betrug sogar 63 Prozent. Bei Älteren stiegen Depressionen zwischen 2005 und 2017 unter 26-29-Jährigen um 29 Prozent, in den anderen Altersgruppen wurden sie weniger.

Zwei interessante Details: Die Zunahme von Mental Health Issues ist bei Mädchen stärker als bei Jungs (der Popularitätswettbewerb ist unter Mädchen scheint mir gnadenloser und härter, grade im Hinblick auf soziale Interaktion, was sich in diesen Zahlen deutlich abbildet). Und reichere Einkommensschichten sind eher von Stress und Selbstmordgedanken geplagt, die unteren Einkommensschichten leiden eher unter Depressionen. Auch hier erscheint mir vor allem der Wettbewerb um Sichtbarkeit und Popularität relevant, der unter reicheren Menschen ausgeprägter scheint.

Der Anstieg verläuft praktisch parallel zum Siegeszug von Social Media und die Psychologen halten das Netz, Smartphones und Soziale Medien für die Ursache. Die Studie bestätigt damit vorangegangene Zahlen aus Untersuchungen von etwa Jonathan Haidt, über dessen erschreckende Zahlen mit einem Anstieg von Mental Health Issue unter jungen Mädchen von 170% ich vor ein paar Wochen gebloggt hatte. (Und sie widerlegt Studien, die keinen Zusammenhang zwischen digitalen Medien und Mental Health Issues fanden, die allerdings ausschließlich die Auswirkungen von Screen Time untersuchten und von mir entsprechend kritisiert wurden).

Florian Rötzer versucht auf Telepolis, der Studie einen kapitalismuskritischen Spin zu verpassen und vermutet einen weiteren Stressfaktor in der neoliberalen Gesellschaft. Wie dieser gesellschaftlich dominierende Individualismus allerdings einen Anstieg ausgerechnet ab 2011 verursachen sollen, grade als sich die Wirtschaft von den Folgen der Finanzkrise erholte, erklärt dieser Ansatz nicht. Und ebenfalls erklärt er nicht, warum ausgerechnet Kids unter stark zunehmenden Depressionen leiden, nicht aber der erwachsene Teil der Bevölkerung, der genau demselben gesellschaftlichen Druck gegenübersteht. Ein weiterer Erklärungsansatz wäre das Finanzierungsystem der US-Colleges und der riesige Schuldenberg der Studenten, was allerdings nicht den starken Anstieg von Depressionen unter Kids zwischen 12 und 17 Jahren erklärt. Darüberhinaus schlossen die Forscher alternative Theorien weitgehend aus.

Social Media erscheint die logischste aller Erklärungen: Sozialer Druck und Gruppenzwang ist unter Teenagern am allergrößten, man vergleicht sich in diesem Alter prinzipiell ständig mit anderen und konkurriert in einem extremen Wettbewerb um Popularitätspunkte auf dem Schulhof, man findet zu sich selbst, verhandelt Identität(en) und bildet eine Psyche aus. Heute passiert ein großer Teil davon im Netz und die Folgen davon sehen wir jetzt, Social Media ist mit vollem Anlauf in grundlegende Prozesse der Persönlichkeitsbildung von Kids gekracht und hat dort, wie überall, alles extrem beschleunigt, erweitert, vergrößert und vor allem sichtbarer gemacht. Vor allem für Außenseiter und Mobbing-Opfer muss das Netz eine absolute Hölle sein und diese Studie bildet diese Entwicklung ab.

Was man tun kann, weiß ich nicht, ich würde aber radikale Optionen wie „Abschalten“ als Haltung nicht ausschließen wollen, auch wenn das praktisch nicht machbar ist. Ich denke nicht, dass Shishi wie „bewusster Umgang“ oder „Aufklärung“ helfen. Es geht nicht um die breite Masse der Kids, die möglicherweise ebenfalls mit erhöhten Stresslevels kämpfen müssen, die damit aber klarkommen. Mir machen vor allem die tatsächlichen Social-Media-Junkies unter den Kids Sorgen, die Außenseiter, die man mit „bewusstem Umgang“ nicht erreicht. Soziale Medien wurden bewusst auf Dopamin-Shots optimiert, jeder Like bedeutet einen kleinen Kick guter Laune. Dazu kommt die Wirkung des Kuschel-Hormons Oxyticin, das Netzcommunities zusammenschweisst. Social Media sind vor allem soziales Suchtmittel und die Etablierung eines öffentlichen Konsens’ dieses Fakts erscheint mir ein zwingender erster Schritt, um die langfristigen psychologischen Folgen der Digitalisierung abzufedern.

American Psychological Association: Mental Health Issues Increased Significantly in Young Adults Over Last Decade

Twenge and her co-authors analyzed data from the National Survey on Drug Use and Health, a nationally representative survey that has tracked drug and alcohol use, mental health and other health-related issues in individuals age 12 and over in the United States since 1971. They looked at survey responses from more than 200,000 adolescents age 12 to 17 from 2005 to 2017, and almost 400,000 adults age 18 and over from 2008 to 2017.

The rate of individuals reporting symptoms consistent with major depression in the last 12 months increased 52 percent in adolescents from 2005 to 2017 (from 8.7 percent to 13.2 percent) and 63 percent in young adults age 18 to 25 from 2009 to 2017 (from 8.1 percent to 13.2 percent). There was also a 71 percent increase in young adults experiencing serious psychological distress in the previous 30 days from 2008 to 2017 (from 7.7 percent to 13.1 percent). The rate of young adults with suicidal thoughts or other suicide-related outcomes increased 47 percent from 2008 to 2017 (from 7.0 percent to 10.3 percent).

There was no significant increase in the percentage of older adults experiencing depression or psychological distress during corresponding time periods. The researchers even saw a slight decline in psychological distress in individuals over 65.

“Cultural trends in the last 10 years may have had a larger effect on mood disorders and suicide-related outcomes among younger generations compared with older generations,” said Twenge, who believes this trend may be partially due to increased use of electronic communication and digital media, which may have changed modes of social interaction enough to affect mood disorders. She also noted research shows that young people are not sleeping as much as they did in previous generations.

The increase in digital media use may have had a bigger impact on teens and young adults because older adults’ social lives are more stable and might have changed less than teens’ social lives have in the last ten years, said Twenge. Older adults might also be less likely to use digital media in a way that interferes with sleep — for example, they might be better at not staying up late on their phones or using them in the middle of the night.

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2 Kommentare zu “Studie: Starke Zunahme von Depressionen unter Jugendlichen durch Social Media”

  1. Na, ich hab da ein Rezept: Eltern sollten mindestens einmal am Tag beim Lesen eines Buches von Ihrem Kind wahrgenommen werden. Das wirkt!

  2. ich frag mich ja manchmal ob es wirklich mehr stress gibt, oder ob die kids nur immer verwöhnter (um nicht zu sagen “verweichlichter”, das behauoten ja nur alte, frustrierte säcke ;-P ) werden, weil es uns zu gut geht. vielleicht ist es auch eine kombination von beidem. es gibt auf jeden fall mehr stress für das hirn, weil wir uns ständig so viele informationen aus diesem vermaledeiten Internet rein ziehen, bei weniger körperlicher bewegung als ausgleich. interessant finde ich den teil mit social media als suchtmacher, diese kurzen kicks die es menschen verschafft, ähnlich wie bei materiellem konsum. darauf muss definitiv mehr hingewiesen und drüber geredet werden. genauso sollte man jugendlich mal klar machen dass dieser ganze mist mit dem vergleichen mit anderen total bescheuert ist. war schon immer bescheuert, hab ich damalsTM schon gesagt (ha!). macht einfach euer ding und scheißt drauf was andere sagen.

Kommentare sind geschlossen.


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