Die memetische Zerstörung der CDU

25. Mai 2019 11:20 | #Memetik #Politik #synch

Ein bislang nicht beachteter Aspekt des Clips von Rezo ist folgender: Der junge Mann hat, unwissentlich oder nicht, eine Kernbedingung erfolgreicher memetischer Viralität erfüllt: narrativen Rythmus. Er hat, mit einem gewissen zeitlichen Abstand, die #NieMehrCDU-Meme weiterentwickelt und damit eine narrative Welle weiter angestoßen, deren erste „Welle“ die Proteste gegen die Urheberrechtsreform waren.

Hätte er das Video kurz danach veröffentlicht, wäre das Video (möglicherweise) untergegangen. So aber hatte die Debatte Zeit genug, sich abzukühlen, nur um mit neuem Schwung weiter auszuholen. Und war die CDU (und die angeblichen, ehemaligen Volksparteien) schon zur Abstimmung über die Uploadfilter in Erklärungsnot, so muss sich nun die gesamte Parteispitze zum Video eines Youtubers äußern – ein bisher nicht dagewesener Vorgang, der vor allem die neue Macht narrativer Synchronisation über die neuen Medien zeigt. Rezo hat hier keine Welle ausgelöst, sondern eine bereits vorhandene Welle weiter angestoßen und größer gemacht, genau wie in einem Wellensimulator. Das kollektive Bewusstsein einer neuen Generation zerreibt hier die klassischen Parteien in einer neuen Medien-Dynamik und bringt alle traditionellen Player unter Druck, von Politikern über die Wirtschaft bis FAZ. Folgerichtig musste die Partei ein Dokument mit Sachargumenten (PDF, Fefe dazu) veröffentlichen und sich ausführlich einer inhaltlichen Kritik stellen. Auch das ist neu.

Es ist äußerst geschicktes Timing: Die Kritik an den klassischen Parteien in der europapolitischen Urheberrechtsdebatte wurde in einem neuen Anlauf in demselben Kontext der Europawahl mit Anreicherung durch neue Themenkomplexe (Klimawandel, Soziale Ungerechtigkeit) zum perfekten Zeitpunkt (FridayForFuture-Demos) neu aufladen und vergrößert. In der Physik würde man sagen: Rezo hat eine narrative Welle in der Frequenz beibehalten und die Amplitude (den Ausschlag) erhöht. Wie ein Erdbeben, das sich mit kleinen Erschütterungen ankündigt und schließlich in einem großen Rumms entlädt. Es schadet natürlich nicht, wenn sich in einer parallelen narrativen Welle die europäische Rechte als machtgeile, korrupte Gangster entpuppen.

Die Rechte kann die idiotischen Jokes gerne behalten, die sie mit „Memes“ verwechselt, solange der anständige Rest die Macht der Synchronisation narrativer Wellen und damit die tatsächliche Memetik entdeckt. Eins hat Rezo jedenfalls geschafft: Der Spruch „The Left can’t meme“ gilt nicht mehr.

Und noch ein kleiner Nebenaspekt: Rezo hat mit dem Clip wahrscheinlich mehr für die Medienkompetenz der Kids getan, als die gesamte sogenannte „Bildungspolitik“ der CDU. Auch dafür: Kudos.

Ich revidiere jedenfalls meine Haltung zu Youtubern und Influencern. Ein bisschen zumindest. Good job.

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