Nachhilfe für Annegret Kramp-Karrenbauer über die Regeln und den dualen Charakter der Online-Kommunikation

29. Mai 2019 10:46 | #Politik #Social Media #synch

Seit gestern steht die Vorsitzende der CDU unter Beschuss, weil sie angeblich die Meinungsfreiheit regulieren möchte. Ich halte diese Interpretation für überzogen und hatte gestern bereits angedeutet, dass Frau Annegret hier ein paar (unfreiwillig) durchaus interessante Dinge anspricht.

AKKs eigene Intention wird am deutlichsten, schaut man sich ein paar ihrer Reaktionen auf die Reaktionen an: Sie spricht (in einem Fax) von einem „Asymmetrischen Wahlkampfführung“ und auf der Bilderberg-Konferenz diskutiert sie anscheinend über das Thema „Social Media als Waffe“, empfindet Akteure auf Social Media also anscheinend als politischen Gegner, nicht als zu überzeugenden Wähler. (Man sollte hier der Fairness halber übrigens anfügen, dass „Social Media als Waffe“ unter dem Stichwort „memetische Kriegsführung“ seit rund 15 Jahren in Militärkreisen disktutiert wird). Aber darum soll es hier nicht gehen, mir geht es nach wie vor um die von Frau Kramp-Karrenbauer angesprochenen Regeln der Online-Kommunikation, welche davon „analog gelten und welche digital“.

Das Internet hat spätestens seit dem Siegeszug des sogenannten Web2.0 die Beschränkungen des Veröffentlichungsprozesses aufgelöst. War Desktop Publishing noch bis Anfang der 2000er Jahre eine Profession für Spezialisten, die sowohl für Print als auch für Online-Veröffentlichungen ein hohes Maß von Know How erforderte, vereinfachte die Entwicklung der ersten Plattformen wie blogger.com den Veröffentlichungsprozess auf eine Klick: Eingabe, Klick, Veröffentlichung. Wo ganze Redaktionen zuvor noch mit komplizierten Content Management Systemen hantieren mussten, die eine hohe Lernkurve und einige Einarbeitungszeit erforderten, boten Out-of-the-Box-Systeme wie WordPress dem unbedarften Nutzer eine Publishing-Plattform, die den Angeboten der traditionellen Medien mindestens ebenbürtig war. Nerdcore hatte in der Hochzeit der Blogs über Jahre ungefähr das doppelte der Zugriffszahlen des Online-Angebots der größten Tageszeitung Südhessens, die über eine Redaktion von dutzenden Journalisten un einer haushohe Rollenoffset-Maschine verfügte, von der Offline-Auflage ganz zu schweigen. Damals war es dieses Social Media-Angebot hier, das der damaligen CDU-Cheffin auf die Nerven ging und mit „Und alle so Yeeahhh“ eine der ersten deutschen Memes in die Welt setzte. Von „Social Media als Waffe“ redete Merkel danach nicht. (Zugegeben: Diese Meme war auch weitaus unpolitischer, als Rezos Video.) Das war die Realität vor zehn Jahren und seitdem wurde der Publishing-Prozess immer und immer weiter vereinfacht. Heute genügt ein Handy und ein Account auf Facebook, um mit ein bisschen Glück der Annegret sehr schwindlig werden zu lassen.

Unsere Gesellschaft befindet sich in einem Transformationsprozess. Wir lassen die alte Welt hinter uns und beginnen langsam die ungefähren Konturen einer neuen Gesellschaft auszumachen, die nach neuen Regeln funktioniert. Regeln, deren Gestaltung maßgeblich durch die alles durchdringende Digitalisierung bestimmt wird. Angela Merkel bezeichnete das vor ein paar Jahren als „Neuland“.

Einige dieser Regeln bestimmen die Synchronisationsleistungen der Massenmedien. Gesellschaftlicher Konsens bildet sich aufgrund der Kommunikation durch Massenmedien, Gesellschaften bilden über sie das Bild von sich selbst und einigen auf Form, Inhalt und Tonalität des Diskurses. Vor ein paar Monaten hatte ich versucht, diese neuen, memetischen Regeln zu umreißen. Kurz: Die memetische Synchronisation der Gesellschaft über neue Medien wird bedingt durch die grundsätzliche Editierbarkeit des Digitalen Raums, die Allsichtbarkeit der Extrema und die davon abhängige psychologisch bedingte Distribution der Information.

Andere Regeln betreffen den Charakter der Veröffentlichung selbst, der oben beschriebene, immer weiter vereinfachte Publishing-Prozesses bedeutet die Auflösung der Grenze zwischen dem schriftlichen und mündlichen Charakter der Information. Unsere Gesellschaft kommunizierte bis zur Erfindung der Schrift über mündlich weitergegebene Geschichten und Mythen. Sie waren es, die Gesellschaft synchronisierten. Die Erfindung des schriftlichen Zeichens veränderte nun nicht nur die Kommunikation, sondern auch die gesamte Gesellschaft. Aus flüchtiger, mündlicher Kommunikation wurde speicherbare, fixierte Information und aus den Gesellschaften der Jäger und Sammler wurde unsere moderne Zivilisation, deren schriftliche Synchronisation durch etwa die Erfindung des Buchdrucks oder der Massenmedien immer weiter beschleunigt wurde.

Das Internet und Soziale Medien bedeuten nun einen erneuten Bruch in der menschlichen Kommunikation, die im Netz sowohl oralen (mündlichen) wie schriftliche Charakteristika aufweist. Einerseits sind viele Äußerungen auf Social Media fest adressiert und mit einem Permalink versehen, zwar editierbar und damit flüchtig, aber eben auch fest verortet im digitalen Raum und damit schriftlich fixiert. Dieser Artikel beispielsweise hat eine URL unter der man ihn lange finden können wird, wie ein Buch mit ISBN oder die Ausgabe eines Magazins. Gleichzeitig kann ich ihn nachträglich editieren und Katzenbilder hinzufügen, womit er flüchtig wird wie ein Gerücht oder eine mündlich weitererzählte Geschichte. Jeder Kommentar auf Facebook und jeder Tweet folgt diesem Prinzip, jedes Video auf Youtube bleibt genauso flüchtig wie fixiert, es ist eine neue Logik der fluiden Kommunikation, die wir erst beginnen zu begreifen und deren Auswirkungen auf die Gesellschaft nun nach Jahren der Theorien und Utopien beginnen, sich konkret abzuzeichnen.

Die beschriebene Dualität der Online-Veröffentlichung als gleichzeitig schriftlich und mündlich und deren Auswirkung auf die Psychologie des Menschen und damit die gesellschaftliche Synchronisationsleistung der Massenmedien bildet den Kern des Transformationsprozesses, in dem sich unsere Gesellschaften derzeit befinden.

Aber da Frau Kramp-Karrenbauer bereits vor sieben Jahren das Web2.0 und Online-Kommunikation als Grund für den damaligen Wahlerfolg der Piratenpartei im Saarland ausmachte, sind das alles sicher keine neuen Tatsachen für sie. AKK kann Texte wie diesen ja gerne weiterhin ausdrucken und rumfaxen, wie es sich für fortschrittliche Konservative gehört. Ich werde mein Leistungsschutzrecht bestimmt nicht geltend machen.

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4 Kommentare zu “Nachhilfe für Annegret Kramp-Karrenbauer über die Regeln und den dualen Charakter der Online-Kommunikation”

  1. Auch hier ist wieder so ziemlich alles richtig, was Du schreibst.
    Aber: Was kann die CDU machen? Kann man diese Inhalte (die dazu führen, dass jemand CDU wählt) einfach durch einen coolen YouTuber publizieren und ist damit wieder im Spiel?

    Ich habe mich in meiner Jugend immer gefragt, warum folgendes gilt:
    Es gibt mehr Arbeitnehmer als Arbeitgeber. CDU macht Politik für Arbeitgeber. CDU gewinnt Wahl.
    Es gibt mehr Mieter als Vermieter. CDU macht Politik für Vermieter. CDU gewinnt Wahl.

    Lag das daran, dass der politische Diskurs in Zeitungen stattfand, deren Redakteure im Zweifel zu denen gehörten, die von der Politik der CDU profitierten und es eine (unabgesprochene) Übereinkunft gab, dass man dies nicht in Frage stellen darf?
    Ändert sich das jetzt durch YouTuber wie Rezo, die eine extrem starke Gegenöffentlichkeit aufbauen können und die sich bewusst Talkshows und anderen Formen der Auseinandersetzung entziehen, in denen die Meinungsmach-Mechanismen der CDU wieder funktionieren würden (weil man auf gutverdienende und inhaltlich sehr schnell überforderte Moderatoren trifft)?
    Bedeutet das, dass die CDU (oder auch andere Parteien, die diese Art der Politik machen, in der gilt: “Es ist besser für Dich, wenn ältere, reichere Menschen für Dich entscheiden”) auf absehbare Zeit nicht mehr funktionieren wird, weil in der von Dir beschriebenen Medien-Welt ihre Inhalte und Art der Argumentation niemanden überzeugen können, bzw. es eine zu starke Gegenöffentlichkeit gibt?
    Gibt es bald nur noch Wähler, die die CDU aus Prinzip wählen und endet mit deren Leben auch die CDU wie wir sie seit unserer Jugend kannten?

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