Youtube, Crowder, Maza und memetische Dynamiken stochastischen Mobbings

Der homosexuelle Vox-Youtuber Carlos Maza wird von Steven Crowder gemobbt, einem sehr bekannten Pro-Trump-Youtuber. Youtube konstatiert in der Tat, Crowder benutze „verletzende Sprache“, weigert sich aber, die Videos runterzunehmen und bezieht sich dabei auf ihre Terms of Service, die zwar „hurtful Content“ verbieten, nicht aber die Nutzung „verletzender Sprache“.

Das Stichwort hier ist, wie so oft in Fällen der massenhaften (memetischen) Online Belästigung, Stochastischer Terrorismus, ein Begriff, der ursprünglich 2011 nach dem Anschlag auf US-Politikerin Gabby Giffords benutzt wurde, um „lone wolf terrorism“ in Zeiten der Massenmedien zu beschreiben: „Stochastic terrorism is the use of mass communications to stir up random lone wolves to carry out violent or terrorist acts that are statistically predictable but individually unpredictable.“

Für die Adaption des Begriffs auf Social Media und die memetischen Kaskaden „verletzender Sprache“ brauchen wir hier einen neuen Begriff, denn, auch wenn es mir schwerfällt: Die wenigsten Rightwinger nutzen ihre „verletzende Sprache“ absichtlich, um massenhafte Hatespeech-Kaskaden auszulösen. Ein Crowder will einen derben, verletzenden Witz machen, der seinen politischen Gegner auch auf persönlicher Ebene angreift, aber ich glaube in keiner Sekunde daran, dass Crowder absichtlich tausende seiner Follower auf Carlos Maza hetzt. Freilich: Er stört sich auch nicht besonders daran.

Da der Begriff Terrorismus an dieser Stelle völlig unangebracht ist und die Debatte verzerrt, müssen wir in diesen Fällen (wie in tausenden anderen Fällen auch, von Drachenlord bis Sarkeesian) von einer Art „memetischen Dynamik des stochastischen Mobbings“ reden. Ein prominenter Social Media-Account gibt eine Vorlage mit grenzwertig-rassistischen oder grenzwertig-homophoben Inhalten und seine Follower imitieren ihn, for the lulz.

Jeder einzelne Account, der sich an diesen Kaskaden beteiligt, kann sich auf die Position zurückziehen, dass man nur „einen harmlosen Witz“ gemacht habe, der als einzelnes Posting völlig ohne Bedeutung ist. In der Masse aber, garniert mit den einzelnen Ausreißern tatsächlicher Psychopathen (den lone wolves eben), die realistisch mit Gewalt drohen und private Informationen ihrer Opfer veröffentlichen, ergibt sich hier eine tatsächlich verletzende Gewalt durch Massenmedien. Der „hurtful Content“, den Youtube laut seinen TOS verbietet, sind in diesem Fall nicht alleine Crowders Video, sondern die Shirts seiner Follower, die Tweets seiner Fans, die Maza angreifen, die Blogposts, die gesamte komplette Dynamik. Ich bin deshalb schon seit langem für einen Konsens der moralischen Verantwortlichkeit für jeden einzelnen beteiligten Account, der sich an Phänomenen wie Dogpiling beteiligt.

Leider schreiben Linke nun lieber Bullshit über Terms of Service und Maza zieht sich natürlich auf Identitätspolitik zurück, statt die Netzphänomene genau zu analysieren. In Crowders Fall fände man dann nämlich doch in seinen Videos den Ursprung für eine „memetische Dynamik des stochastischen Mobbings“ und hätte einen Hebel, um Crowder, seine Follower, sowie Youtube so zu einer echten Haltung und in die Verantwortung zu zwingen, die über ein „Ich hab ja nur’n Witz gemacht“ und TOS hinausgehen, statt die Opferkarte zu spielen. Tja.

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3 Kommentare zu “Youtube, Crowder, Maza und memetische Dynamiken stochastischen Mobbings”

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    1. Ich bin zwar eher bei Maza als Crowder, halte seine Punkte aber für Gelaber. Das Problem liegt in Netz-Dynamiken und „stochastischem Mobbing“, nicht in Identitätspolitik, Diskriminierung oder LinksRechts-Fights.

      1. Ist eigentlich schon wieder zu spät dafür, aber was soll’s: Bei den Beispielen die Du genannt hast ( Sarkeesian, Drachenlord ) hat sich über Jahre hinweg ein „Antifandom“ gebildet. Also Communities die ihren Zusammenhalt primär aus dem Hate auf eine Marke bzw. eine Person und ihren Content gewinnen. (Siehe z. B. Marvel/Brie Larson Antifans). Wenn Crowder seit 2 Jahren gezielt Maza angeht und das noch dazu mit Rasissmus und Homophobie garniert, dann kann man davon ausgehen, das es nun ein Maza-Antifandom gibt. Dieses Antifandom löst sich nicht einfach auf, wenn Crowder mit seiner Leier aufhört, genau so wie Sarkeesian bis heute obsessive Hater hat. Gerade weil Maza offen schwul ist, ist es wahrscheinlicher das er als Hassobjekt „haltbarer“ und damit auch profitabler ist. Deswegen finde ich es auch nachvollziehbar das Maza sich auf Idol beruft. Letztendlich macht Crowder das gleiche, bloß halt für Heteromänner die gerne mal Schwule klatschen würden und das dann eben online machen.


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