Black Mirror Staffel 5 – Review

Striking Viper ★★★★★★★☆☆☆ [7/10]
Smithereens ★★★★★★★☆☆☆ [7/10]
Rachel, Jack and Ashley Too ★★★★★★☆☆☆☆ [6/10]

Am auffälligsten bei allen drei Folgen der neuesten Staffel von Charlie Brookers SciFi-Anthologie-Serie Black Mirror ist die bemerkenswerte Abwesenheit seines Zynismus. Waren die ersten Staffel voller dystopischer Geschichten, die ihre Protagonisten am Ende sicher ins Verderben stürzten, selbst wenn sie scheinbar über ihre Gegner triumphierten – in 15 Million Merrits gewinnt der Protagonist, nur um am Ende seine Liebe zu verlieren und zu einer leeren Hülle zu verkommen; in The Entire History of You ruiniert die Technologie zur Aufzeichnung von Erinnerungen eine Beziehung; White Bear zeigt eine Entertainment-Show, in der eine Verbrecherin zur ewigen Wiederholung ihrer Bestrafung verdammt wird; in Arkangel führt ein Gehirn-Implantat zur Überwachung von Kindern zum völligen Vertrauensverlust; in National Anthem beugt sich der britische Premierminister einer Erpressung und pimpert ein Schwein; in White Christmas wurden die Figuren zum ewigen Pariah, gefangen in einer immerwährenden Hölle – so kommt diese fünfte Staffel diesmal nahezu komplett ohne den für Brooker typischen Nihilismus aus.

Die Figuren erfahren allesamt ein Happy End auf die ein oder andere Weise: Eine Ehe wird nach einem genderbending VR-Seitensprung gerettet, ein Geiselnehmer findet vor seiner fatalen letzten Entscheidung seinen Frieden und Miley Cyrus darf endlich Alternative-Rock spielen.

Diese Entwicklung Brookers als Drehbuchschreiber war in den letzten Staffeln bereits abzusehen. Prägten ihn von Dead Set bis zu den ersten BM-Staffeln und nicht zu vergessen seinen jährlichen Jahresrückblicken noch ein düsterer, schwarzseherischer und kompromissloser Zynismus, so ging anscheinend spätestens mit San Junipero die Sonne in Black Mirror auf und bereits die vierte Staffel enthielt mehrere Episoden, die ein beinahe typisches Happy End aufwiesen.

Spoilers ahead.

Striking Viper ist wohl die Folge, die mit ihrem ambivalenten Ende vergangenen Episoden am nähesten kommt. Danny zieht mit seinem besten Freund Karl um die Häuser, als er seine zukünftige Frau Theo kennenlernt. Jahre später schenkt ihm Karl ein neuartiges VR-Gaming-Set, das den Spieler direkt in die digital erzeugte Welt beamt und ein virtuelles Fighting-Game spielen lässt. Dort haben Danny und Karl in ihren neuen Rollen (Danny als Ryu aus Streetfighter, Karl als blondierte Sort-Of-Chun-Li) nicht nur digital aufgepumpte Straßenkämpfe, sondern auch ziemlich guten Sex, was beide an ihrer Sexualität und ihren bisherigen Konzeptionen von Geschlecht, Freundschaft und Liebe zweifeln lässt.

Die Folge ist wegen genau dieser Fragen absolut großartig und zwingt den Zuschauer dazu, festgefahrene Ideen über Sex und Liebe zu hinterfragen und genau wie die Protagonisten fragt man sich, was die beiden besten Freunde hier überhaupt tun: Ist das nun homosexuelle Liebe, wenn die beiden eine Hetero-Nummer im virtuellen Raum schieben? Ist Karl transsexuell, wenn er in den Körper einer Frau schlüpft und den Sex tatsächlich genießt (und im echten Leben die Freude an Hetero-Sex verliert)?

Die Nichtkategorisierbarkeit der Beziehung zweier bester Freunde und deren virtuell fluiden Geschlechterrollen im digitalen Raum machen diese Folge so interessant, grade weil sie die Konsequenzen für Identität und Beziehungsstrukturen in der echten Welt nicht einfach über Bord wirft, sondern ins Zentrum der Handlung stellt. Man fragt sich, ob sich die KämpferInnen für Genderfluidity auf Twitter jemals so weitreichende Fragen während ihrer Butler-Lektüre stellten, wie der alte weiße Sack Brooker. Tolle Folge in bester Black Mirror-Tradition.

Smithereens ist die relativ gradlinig erzählte Geschichte einer Geiselnahme und des folgenden Psychokriegs während der Verhandlungen zwischen dem psychisch verwirrten Geiselnehmer, der Polizei und Billy Bauer (Topher Grace), dem CEO des titelgebenden Social Networks. Chris fährt Kunden für die an Uber angelehnte App „Hitcher“, während er in den Abendstunden eine Selbsthilfegruppe besucht, um den Verlust seiner Verlobten bei einem Autounfall zu verarbeiten. Dort reisst er Hayley auf, die traumatisiert durch den Verlust ihrer Tochter versucht, deren Social Media-Account per Brute Force zu hacken.

Als Chris eines Tages den jungen Jaden, einen Angestellten von „Smithereens“, zum Flughafen fahren soll, entführt er diesen mit vorgehaltener Waffe und fordert ein Gespräch mit Billy Bauer. Nach einer kurzen Verfolgungsjagd entbrennt ein psychologisches Katz- und Maus-Spiel zwischen Chris, Smithereens, Billy Bauer und der Polizei, an deren Ende es vor allem zwei Gewinner gibt: Hayley, die endlich das Passwort zum Social Media-Account ihrer Tochter erhält und so ihren Frieden findet.

Die Botschaft dieser Folge ist zwar ein wenig platt – Plattformen sind suchterzeugendes Social Crack und eigentlich war das alles ganz anders geplant –, aber in sich stimmig und das Ensemble hat sichtlich Spaß an seinen Rollen, allen voran Topher Grace in seiner Rolle als fluchender Hippie-CEO.

Rachel, Jack and Ashley Too ist die möglicherweise oberflächlichste aller Black Mirror-Folgen, deren Spiel mit Promi-Kult, Virtuellen Charakteren und Hologrammen und den blackmirrorschen Bewusstseins-Übertragungen (wir erinnern uns an die Schicksale von Greta aus White Christmas oder an Clayton Leigh aus Black Museum) durchaus Spaß machen, diese Themen aber nur zu einem seichten Feelgood-Ende bringen.

Miley Cyrus spielt Ashley O, eine unzufriedene Popsängerin auf dem Zenith ihrer Karriere. Das neueste Ashley-Merchandise ist eine Roboter-Version der Sängerin, ähnlich neueren Robot-Toys wie Mr. Keepon, nur mit einer digitalen AI-Version ihrer Persönlichkeit. Als sie durch eine von ihrer Managerin verabreichten Überdosis Pillen in ein Koma fällt, künstlich am Leben gehalten wird, digitale Tools ihre Gehirnwellen in neue Songs verwandeln und eine neue, gigantische Holo-Ashley von nun an die Karriere der Sängerin fortführen soll, retten sie die Teenager Rachel und Jack zusammen mit Robot-AshleyToo vor der totalen Vermarktung ihrer digitalen Kopie. Am Ende darf Miley Cyrus in einem Club sowas wie Alternative Rock spielen.

Die Folge ist sicher kein Black-Mirror-Höhepunkt. Die Anspielungen auf Holo-Popstars und AI-Songwriting sind allesamt aus der konkreten Wirklichkeit entlehnt sind und fügen dieser Non-Science-Fiction und bereits heute gelebter Realität nichts neues hinzu, wenn man der Brainwave-Tech einmal absieht, die in der Folge aber keine nennenswerte Rolle spielt. Gute Unterhaltung bietet die Folge dennoch, leider nicht viel mehr.

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