Der Fall Lübcke als Stochastischer Terrorismus

Der Fall Lübcke ist meines Erachtens ein Fall Stochastischen Terrorismus, ein Begriff der seit einigen Jahren für Gewalt- und Terroranschläge genutzt wird, die von einem scheinbar zufälligen, alleine handelnden, aber gut vernetzten Täter begangen werden, die durch radikalisierende Nutzung von Massenmeden inspiriert werden und die daher kaum einzudämmen sind.

Es handelt sich bei Stephan E. um einen offensichtlich gut vernetzten Nazi, der auf die massenhaft geäußerten und viral gegangenen Todesdrohungen gegen Lübcke reagierte und diese in die Tat umsetzte. Dazu passen die neuen Organisationsformen des Rechtsextremismus, der sich nicht mehr in sichtbaren Verbänden und Gruppierungen vernetzt, sondern die Möglichkeiten des Internets zur flüchtigen, spontanen Organisation nutzt.

Rechtsextreme Gruppierungen wie der Verein “Sturm 18” und der “Freie Widerstand” wurden verboten oder treten öffentlich nicht mehr in Erscheinung. Die klassische Kameradschaft gebe es immer weniger, lediglich die NPD und Identitäre Bewegung würden noch sichtbar auftreten.

“Das hat damit zu tun, dass es dieser Organisationformen nicht mehr bedarf”, sagte Becker. Menschen kommunizierten anders, soziale Netzwerke spielten eine große Rolle. Statt lokaler Vernetzung erlebe man eine hohe Mobilität zu Veranstaltungen mit rechten Anknüpfungspunkten. So komme es zu skurrilen Mischungen, beispielsweise mit der Kampfsport-, Gelbwesten- oder Hooliganszene. “Selbst wenn es sich um einen Einzeltäter handeln sollte, darf man nicht davon ausgehen, dass er völlig isoliert von anderen Personen mit rechtsextremer Einstellung ist”, sagte Becker.

Interessant und keinesfalls neu ist nun an diesem Fall des stochastischen Terrorismus, dass die Morddrohungen gegen den Politiker nicht von einer zentrale Instanz geäußert wurden (wie es beim Setting des klassischen Begriffs des Stochastischen Terrorismus aus dem „War on Terror“ der 2000er noch der Fall ist), sondern dass die Morddrohungen aus einem (digitalen) Schwarm kamen. Verstärkt wurden diese viralen Drohungen durch prominente rechte Accounts und die AFD, deren Äußerungen immer hart an der Legalität entlangschrammen.

Grade prominente Rechte sind in einer massenmedialen Welt ein Kernfaktor für diese Form des Terrorismus. Sie multiplizierten die Viralität der Hetze gegen Lübcke, produzieren durch diese Anfeuerung der Viralität einen „Ambient Threat“ und sorgten so für ein Bedrohungsklima, in dem der bereits radikalisierte Stephan E. die virale Mordphantasie des rechten Schwarms umsetzte. Die Viralität der Nazi-Hetze zeigt hier eine Parallele zum Terroranschlag von Christchurch, der ebenfalls einen Akt stochastischen Terrors darstellte.

Wenn der Sprecher der AfD-Bundestagsfraktion, Christian Lüth, nun Vorwürfe bestreitet, die AfD habe den Nährboden für derartige Taten bereitet, dann hat er entweder keinerlei Ahnung von den Bedingungen moderner, vernetzter Gesellschaften oder er lügt. Ich vermute beides.

Ansonsten, dies:

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1 Kommentare zu “Der Fall Lübcke als Stochastischer Terrorismus”

  1. Was ist denn nun z.B. mit dem Attentat auf Rudi Dutschke? Oder dem Attentat auf Franz Ferdinand. Der klassische “Anarchist” des 19. Jahrhundert folgte ähnlichen Mechanismen. Oder dem Attentat auf Oskar Lafontaine oder dem auf Wolfgang Schäuble.

    Die ganzen Organisationsfantasien von Sicherheitsbehörden sind ja immer etwas zu hinterfragen. Gibt es Al Quada als Organisations oder ist das mehr das Jihadistentelefonbuch jeder Leute, die mal an einem Ort gekämpft haben? Sind die Taliban eine fest umrissene Organisation oder ist das mehr eine Schreiberklasse in der Gesellschaft? Nachdem was meine afganischen Freundee mir gesagt haben, meint Taliban so etwas wie Intellektueller/Schüler.

    Und dann oben die Identitären, die quasi kreuzbrave Projektionsfläche für Antifachisten bieten, ansonsten aber nicht so wirklich mit den Nazihools aus dem Asi-Millieu zusammen passen, und eigentlich nicht geeignet sind um diesen Typen gewaltmässig zu radikalisieren. Schon eher das neue Gelbwesten und Politpöbel Millieu im AfD Umfeld. Gleichwohl auch hier die Frage, wie kommt ein solche Beamter auf den Radar, den vorher eigentlich niemand wahrgenommen hat, und dann doch einige Zeit später.

    Bei dem Mord an Walther Rathenau kann man von einem organisatorischen Netz sprechen. Dort aber kamen die Täter aus einem bürgerlichen konterrevolutionären Millieu.

    Fazit: Wenn man genauer denkt, dann ist es nichts neues. Einzeltäter handeln auch in Organisationen und inspiriert durch Diskurse. Direkte Mordbefehle sind selten nachweisbar und selten. Immer wenn etwas passiert durch Einzelne, macht man die Agitatoren mitverantwortlich: “Drei Kugeln auf Rudi Dutschke…” Es gibt aber noch einen Punkt und das ist die Frage des Unterstützernetzwerks für den oder die Täter. Beim gemeinschaftlichen Anschlag auf Rathenau, ja.

    “Wenn der Sprecher der AfD-Bundestagsfraktion, Christian Lüth, nun Vorwürfe bestreitet, die AfD habe den Nährboden für derartige Taten bereitet, dann hat er entweder keinerlei Ahnung von den Bedingungen moderner, vernetzter Gesellschaften oder er lügt. Ich vermute beides.”

    Juristisch ist der Vorwurf unbegründet. Justiziabel dagegen die Unterstellung der Lüge.

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