#Friday4Future-Aktivisten stürmen Vortrag von Christian Lindner

F4F-Aktivisten stürmen Vortrag von Christian Lindner und Der Westen macht das in einem ungekennzeichneten Meinungsstück zu einer angeblichen „Blamage“ für die Aktivisten, weil Lindner Habermas zitiert, den er offensichtlich nicht versteht.

Eigentlich wollte FDP-Chef Christian Lindner am Dienstag bei den „Wirtschaftspolitischen Gesprächen“ vor Studenten an der Uni Leipzig sprechen. Dann sprach er auf einmal mit einer Gruppe Schüler – die ihrerseits aber nicht mit ihm reden wollten. […] Der FDP-Mann reagierte prompt, zitierte den Soziologen Jürgen Habermas und hatte ein Angebot an die Demonstranten: „Heute ist der 90. Geburtstag von Jürgen Habermas. Der hat einmal gesagt: In der Demokratie muss es herrschaftsfreien Diskurs geben und den zwanglosen Zwang des besseren Arguments. Deswegen: Hier stehen dürft ihr. Hier liegen und schlafen dürft ihr. Stören dürft ihr nicht. Euch zu Wort melden und diskutieren ist herzlich willkommen.“

Dieses Zitat aus dem Mund eines Neoliberalen, der den Abbau der Solarwirtschaft und die Vernichtung von über 100k Arbeitsplätzen in einer Zukunftsindustrie mitgetragen hat, ist ein Affront gegen jedes Philosophieverständnis und ein Dialog wäre unter diesen Voraussetzungen alles, aber nicht herrschaftsfrei. Und ganz sicher ist ein „stummes“ Protest-Statement während einer Veranstaltung voller BWLer kein Dialogangebot von Seiten der Kids, es handelt sich dabei, um mit Habermas zu sprechen, um strategisches Handeln, das kein Angebot zur Kommunikation darstellt. Aber dass die Neolibs nichts von Philosophie oder Protestformen verstehen, geschenkt. Auch dass die FDPler den Vorfall nun als „Punktsieg“ für Lindner feiern, ebenfalls geschenkt. Dass aber ein Schmierblatt unreflektiert die Lesart einer Regierungspartei formuliert und dabei Habermas’ „herrschaftsfreien Diskurs“ in den Mund nimmt, ist die wahre Blamage an dieser Episode.

Lindner geht es mit seinem Gesprächsangebot bei diesem Protest vor allem um eines: Die Einbeziehung in seine Agenda und in seinen neoliberalen „Lösungs“-Ansatz. Ein kapitalistischer Reflex, der sich ja gerne einverleibt, was gegen ihn protestiert, Punk zum Beispiel, oder auch den Feminismus, wo es dann schicke Shirts und Beyoncé gibt.

Den Aktivisten geht es nicht um ein Gespräch mit der Politik, es geht ihnen darum, dass die Politik und die angeblichen Profis endlich ihren Job machen sollen und ein Gespräch mit den Wissenschaftlern suchen sollen, um funktionierende Lösungen für die Klimakrise zu erarbeiten. Deshalb Kudos an die Kids für den Mittelfinger an Lindner und all die BWLer im Publikum, deren „Haltung“ uns ja nun erst in diese Situation manövriert hat.

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3 Kommentare zu “#Friday4Future-Aktivisten stürmen Vortrag von Christian Lindner”

  1. Es “undemokratisch” zu nennen ist natürlich großer Schwachsinn. Und BWL zu studieren um Unternehmersklave zu werden weil man selbst kein Unternehmer ist, ist auch nuttig. Dennoch hätte sich jemand durchaus das Mikro nehmen können. Why not?

  2. “Dass aber ein Schmierblatt unreflektiert die Lesart einer Regierungspartei formuliert…”
    Öh. Regierungspartei FDP? In den Ländern, ja. Teilweise.
    Aber nicht im Bund.

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