Soziologe Armin Nassehi über Klimawandel, veraltete Links-Rechts-Denkmuster und Revolution als Anachronismus

Sehr gutes Interview mit dem Soziologen Armin Nassehi über veraltete Links-Rechts-Denkmuster, den Klimawandel und warum der revolutionäre Gedanke ein Anachronismus ist: „Eindeutige oder einfach durchführbare oder gar revolutionäre Lösung unserer Probleme gibt […] es nicht. Wir müssen die Probleme mit den Bordmitteln dieser Gesellschaft lösen, denn andere haben wir nicht.“

Das CO2-Problem wird sich weder als Gerechtigkeitsproblem lösen lassen noch mit der eher bürgerlichen Idee des freiwilligen Verzichts und schon gar nicht mit Staatslenkung und Verboten. Aber es gibt schon sehr unterschiedliche milieubedingte Energieverbrauchsmuster. Eine CO2-Steuer würde sicher sinnvolle Anreize für die Industrie setzen, für das individuelle Verhalten ist es in den sozial schwachen Milieus eher bedeutungslos, weil dort ohnehin weniger Energie verbraucht wird. Es würde dort sogar zu Entlastungen kommen. Und bei den Besserverdienenden wird der Benzinpreis oder eine CO2-Steuer die Leute kaum am Fahren oder Fliegen hindern, eine perfekte Infrastruktur aber vielleicht schon, etwa der ICE Berlin–München. Wäre übrigens auch ein schönes Investitionsprogramm. Solche Konzepte sind möglich, werden aber zu wenig verfolgt, was ein großes Misstrauen in die politischen Problemlösungskapazitäten hineinbringt. Warum triggert denn Fridays for Future eine ganze Generation? […]

Die Grünen wollen eine radikale Transformation ohne radikale Revolution. Und sie glauben an technische Lösungen. Sie sind sowohl wirtschaftsnah als auch protestnah. […]

Man kann selbstverständlich sagen, ich will den Kapitalismus gar nicht, aber damit setzt man seine Logik nicht außer Kraft. Man muss die Marktlogik so einsetzen, dass sie die Sache voranbringt. Wir müssen denen helfen, mit den richtigen Sachen Gewinne zu machen, wie etwa Ralf Fücks seine liberale Idee skizziert hat. Vertragliche Modelle zwischen Staat und Wirtschaft, ein ganz neues Verhältnis zu den Gewerkschaften, die sich auch auf Transformationen einstellen, nicht zuletzt die Frage intelligenter Steuerung durch technische, rechtliche und ökonomische Anreizformen – nur damit kann man langfristige Politik machen. Die unterschiedlichen Logiken ineinander übersetzen und nicht in einer zentralen Idee aufheben – das wäre jene Transformation, die die Tradition der liberalen Idee der Gewaltenteilung von der politischen Sphäre in die Gesellschaft hinein­holen will. Diese Übersetzungsleistung – das wäre für mich eine gute Strategie.

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