Hotwheels über 8chan: Die Story einer Chan-Radikalisierung und die Ideologie der Anonymität

Gutes Portrait über Fredrick „Hotwheels“ Brennan, der im Jahr 2014 die Website 8chan online stellte, als even-more-„free speech“-Alternative zu 4chan: Destroyer of worlds – How a childhood of anger led the founder of 8chan to create one of the darkest corners of the internet.

Der Text ist das Portrait eines Mannes, der die Anonymität auf den Chans für Self-Help Psychoanalyse nutzte, sich dabei extrem radikalisierte und heute bereut, diese Website online gestellt zu haben. Genau wie Christopher „m00t“ Poole, der am Ende nichts mehr mit 4chan zu tun haben wollte, spricht Brennan davon, wie Chan-Websites, also anonymen Message-Boards, einen radikalisierenden Mechanismus bereitstellen, gespeist aus einer radikalen Free-Speech-Haltung und Anonymität.

In genau dieser radikalen Anything-Goes-Umgebung, geschützt durch Anonymität, kann sich das digitale, kollektive Unbewusstsein des Schwarms in seiner extremsten Form entfalten. Im Wettbewerb um die extremsten, „triggerndsten“, „most edgy“ Äußerungen entstehen so extremste Bild/Wort-Kombinationen, die sich memetisch verbreiten. Das Ergebnis ist ein neuer digitaler Faschismus gegenseitig eskalierender Gewaltfantasien, geboren aus Einsamkeit, Anon-Idiologie und einem Selbstradikalisierungs-Mechanismus, der auf den Chan-Seiten in Reinform existiert. Und diese Chans und ihre faschistoide Tendenzen sind die Konsequenz links-libertärer Techno-Utopien der 1990er Jahre.

Mit dem berechtigten Anliegen, einen geschützten, anonymen Kommunikationsraum zu schaffen, um die Kritik der Macht vor staatlichem Zugriff zu schützen, haben wir eine gefährliche Anonymitäts-Ideologie geschaffen, in der niemand verantwortlich ist für die Konsequenzen von Äußerungen in einem radikalisierend wirkenden Aufmerksamkeitswettbewerb. Es ist an der Zeit, dass sich die Techno-Utopisten und Netz-Aktivisten dem stellen.

There’s no room for argument about whether hate-filled internet message boards encourage real-world violence: they do, and none more so than 8chan. It normalises racism, misogyny, and extremism – and helps turn nightmarish, loud-mouthed talk of action into reality. What kind of person would set up a site like 8chan? […]

there is no fundamentalist preacher for the ideology of chan sites. It’s mostly lonely people who find themselves in a febrile information ecosystem without precedent in human history. Chan sites like 8chan are something entirely new: organic communities of anonymous participants that have started to behave almost like a new consciousness, separate and more powerful and dangerous than the sum of its parts. […]

The content on 8chan is among the most offensive, violent and bigoted on the web. It became a sump for the most racist and misogynist of users – especially on the /pol/ board, where the most far-right political viewpoints collected. But in evaluating its behaviour, it is probably helpful to think of a chan site not as a collection of individual people but as some kind of many-headed trickster-god; a psychotic consciousness in its own right.

If Brennan hadn’t created 8chan, the same culture would have developed elsewhere, he insists. “It’s not the technology that causes what happens, it’s really the hearts of the people who are using it,” he says. “If 4chan ceased existing, they would go to another site. If 8chan ceased existing they would go to another site. And the same patterns would repeat over and over.”

It is the structure of a chan site itself that radicalises people. “The other anonymous users are guiding what’s socially acceptable, and the more and more you post on there you’re being affected by what’s acceptable and that changes you. Maybe you start posting Nazi memes as a joke… but you start to absorb those beliefs as your own, eventually,” Brennan says. “Anonymity makes people reveal themselves, but because there are other anonymous users – not just one person in a black box – it also changes what they reveal.”

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