Das digitale Panopticon

Guter Artikel von Alex Hern im Guardian über das Ende der Online Privacy, der dankbarerweise weit über klassisches Verständnis von Privacy Violations durch Konzerne hinausgeht und auch die gegenseitige Überwachung von Usern durch User mit einschließt. Wenn online alles, was wir sagen, in Screenshots durchgereicht wird und Anlass zu Hyper-Gossip ist, wird Online-Kommunikation dadurch nicht nur gestört, sondern komplett verzerrt und eine echte Kommunikation ist realiter nicht mehr möglich, selbst im sogenannten „Dark Forest“-Web. Das hat auch mit Corporate Power zu tun, aber vor allem mit der menschlichen Lust am Gerücht.

Ich verglich das in einem Vortrag vor drei Jahren als digitale Manifestation von Foucaults Panopticon: „The Panopticon was a metaphor that allowed Foucault to explore the relationship between 1.) systems of social control and people in a disciplinary situation and, 2.) the power-knowledge concept.“ Mich interessiert vor allem das digitale Panopticon als System sozialer Kontrolle durch die User selbst und welchen Dynamiken diese Kontrolle unterliegt.

In meinem Bild des digitalen Panopticons ist die zentrale Beobachtungsinstanz durch den Staat nur eine von vielen Beobachtern. Tribalismus und Psychologie der User steuern deren Beobachtungsverhalten und jeder einzelne Nutzer ist gleichzeitig Beobachter wie Beobachteter. Am Ende sind wir alle gefesselt in unseren digitalen sozialen Rollen, ohne die Möglichkeit einer „Backstage“, in der wir wirklich kommunizieren können. Die Bühne des Digitalen verkommt zum reinen Schauspiel, in der jeder vorgibt und täuscht und selbst Direct Messages Teil einer digitalen Maskerade werden.

Die mächtigsten Player in diesem Spiel sind nicht mehr nur staatliche Akteure wie Geheimdienste oder die IRA („Putins Troll Army“), sondern auch Hacker, Meme-Macher und Trolle, die diese psychologischen Dynamiken der Selbstbeobachtung manipulieren. Es überleben vor allem die, denen Grenzüberschreitungen ohnehin nichts antun können, da diese Teil ihrer Reputation bilden und sie in diesem Digitop der Beobachtung erst richtig florieren, also die Trumps dieser Welt, und das Netz als Kommunikationsraum und der alte Traum der Techno-Utopisten des pluralistischen, egalitären Dialogs verkommt damit zur Farce.

Guardian: How online surveillance is killing private conversations

It is increasingly clear that there are only really two ways to avoid this sort of gaffe. The first is to avoid ever entering the public eye in the first place. But that is harder and harder to do: you may be retweeted disapprovingly by a famous person, have your Facebook post screencapped and shared in a private group, or just be filmed doing something odd but harmless in public. And that is before we admit that “public” is a sliding scale. A WhatsApp message sent to a group of four that gets reposted to a group of 20 is hardly “public”, but if you are the schoolchild betrayed by a friend, it can nonetheless be life-ruining .

And so the second is to ensure you have only ever recorded (publicly or privately) a consistent, polite and focus-group-approved opinion on any issue. If you must be blunt, try to ensure it is in a face-to-face meeting, preferably without notes and in one of those tinfoil-lined tents that President Obama used to take with him on foreign visits. Even then, you run the risk of an embarrassing memoir from your interlocutor. So maybe it is best to just keep quiet.

But the death of frank speaking is, speaking frankly, a disaster. A state, a business, even a household, cannot operate without private conversations. The carefully measured words you choose to describe a problem co-worker in an all-staff email are not the same as the harsh language you save for the one-on-one with your line manager. The perfectly fair complaints you have about your flaky friend who always bails at the last minute would be unspeakably cruel to deliver face to face. And the exasperated planning required to deal with an inept president cannot occur if you are forced to pretend, even behind closed doors, that you are dealing with a very stable genius.

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