Fiktionen prismatischer Etymologien als Störfaktor der Kommunikation der Klimakrise

Kluger Kommentar von Johannes Schneider in der Zeit auf die Gefahren der Gleichwertigkeit von Folk-Etymologie, hyperbolischen Fiktionen und gesicherten Fakten in Sozialen Medien im Kontext des Klimawandels: „Die Wissenschaften werden, indem sie so von der Welt erzählen (müssen) wie zuvor Mythos, Kult und Fiktion, diesen zwangsläufig ähnlich“. (Symbolbild rechts: Internet-Realitätsschreddervortex.)

Das Problem an vorhergesagten Katastrophen ist, dass die Prognose so lange fragwürdig bleibt, bis die Katastrophe eintritt. Der Restzweifel, der jeder Wissenschaft innewohnt, wenn sie in die Zukunft extrapoliert, eignet sich, um die Ergebnisse grundsätzlich infrage zu stellen. Letztlich, so könnte man sagen, handelt es sich auch bei wissenschaftlichen Prognosen somit um eine Fiktion, die sich von der realen Welt insofern abhebt, als sie sich in ihr (noch) nicht ereignet hat.

Was das für die Gegenwart bedeutet, erleben wir gerade in der Konfrontation von Klimawissenschaft (im weitesten Sinn) und den Diskursformationen der sozialen Medien, in denen jeder Autorität auf gleicher Ebene eine Scheinautorität entgegentreten kann und jedem Faktum ein wissenschaftlich klingendes Pseudofaktum. Je dringlicher Wissenschaftlerinnen vor baldigen gravierenden Konsequenzen des weltweiten CO2-Ausstoßs warnen, je surrealer die von ihnen genannten points of no return in zeitliche Nähe rücken (zuletzt war in einem BBC-News-Artikel von 18 Monaten die Rede, in denen sich die Zukunft der Menschheit entscheidet), desto umstrittener wird ihre Position. Angesichts einer immer noch lebenswerten Umwelt, angesichts gefüllter Supermarktregale in Mitteleuropa und dem bisherigen Ausbleiben transnationaler Hungerkatastrophen in ärmeren Regionen, scheint es vielen glaubwürdiger, dass die Klimaforscher eine geheime Agenda oder gar Persönlichkeitsstörungen haben, als dass ihre Alarmstufe auf ihrem Wissen basiert.

Wir erleben einen Triumph des Halbwissens: Angesichts jeder einzelnen Dürre, jedes Temperaturrekords können klimaskeptische Meteorologen durchaus mit Recht auf vorangegangene Extremereignisse verweisen, sowie auf die konkreten Formationen, die bestimmte Hoch- und Tiefdruckgebiete entstehen lassen. Dass die Beweislast für einen nie dagewesenen Wandel dennoch erdrückend ist, verschwindet fürderhin in der Detaildiskussion sowie im Zweifel an der Vergleichbarkeit verschiedener Messungen zu verschiedenen Zeiten an verschiedenen Orten des Planeten, auf denen alle großen Klimastudien und -modelle basieren. Die Folge: In einem gewaltigen zivilisatorischen Rückschritt auf der Diskursebene verweigern Twitter-Trolle ebenso wie Politikerinnen (auch grüne) die naturwissenschaftlich begründete Erkenntnis von der Notwendigkeit eines zivilisatorischen Rückschritts auf der materiellen Ebene, vom Verzicht auf oder Verbot von Flugreisen, Plastik, motorisiertem Individualverkehr. Stattdessen glaubt man an ein grünes Wachstum, das vielleicht nicht unmöglich ist, aber in Anbetracht der (sich beschleunigenden) Entwicklungen als “Rettung” heutiger westlicher Lebensbedingungen in etwa so realistisch wie eine kriegsentscheidende Wirkung der “Wunderwaffe” V2 im Jahr 1944.

Ich habe über genau diese Gefahr vor drei Jahren in meinen Vorträgen hingewiesen: Mit dem Wegbruch der Gatekeeper (oder genauer: mit der Neuverteilung der Gatekeeper-Rolle) und dem egalitären Plattformdesign, nach dem jede Äußerung gleichwertig neben anderen erscheint (Katzenvideos neben Mitteilungen der Wirtschaftsweisen etwa) und deren distributive Kraft sich alleine aufgrund ihrer Emotionalität entfaltet, gewinnt jede Fiktion einen Vorteil gegenüber den oft trockenen, nicht-emotionalen Meldungen faktischer Authentizität. Das gilt vor allem für angsterfüllten Bullshit von Rechts, aber auch für katastrophischem Hyperbole von Aktivisten. Grade letztere sind verantwortlich für einen sehr großen Teil hyperbolischer Socialmedia-Posts, weshalb Aktivismus im Netz ein grundsätzliches Problem darstellt, da er den Übertreibungs-Mechanismen des Netzes seinen eigenen aktivierenden Hyperbole hinzufügt. Das Dilemma dessen ist mir bewusst.

Medien-Inhalte existieren prinzipiell auf einem Spektrum der Realitätstreue, das von Fiktion bis Realität reicht. Im fiktiven Teil dieses Spektrum treffen wir auf Literaten, Comedians, Designer und jeden, der gerne Geschichten erzählt. Im Mittelfeld tummeln sich Aktivisten und Politiker (aber auch Verschwörungstheoretiker), deren Aussagen auf Realität beruhen, die sie aber für ihre Agenda oder Ideologie umformulieren, sie über- oder untertreiben. Im eher realitätsgebundenen Teil dieses Spektrums treffen wir auf Journalisten und schließlich auf Wissenschaftler. Das Netz wirft all diese Menschen und ihre Kommunikation in einen gigantischen Vortex und alleine die emotionale Kraft der Inhalte entscheidet über ihre Sichtbarkeit. Auf Dauer senkt die system-inhärente emotional-psychologische Filterfunktion der Sozialen Medien das Vertrauen in alle Inhalte und nichts und niemand wird mehr ernst genommen. Für Wissenschaftler, die seit Jahren vor dem Klimawandel warnen wollen und nicht gehört wurden, ist das ein Problem.

Das Internet verliert durch diese emotionsgesteuerte (memetische) Informationsverteilung, die in einer allsichtbaren, prismatischen Darstellung der Ideenwelt mündet, eine prismatische Etymologie sozusagen, eine seiner zentralen Funktionen: Die Kommunikation unter Fachleuten im Notfall (zur Erinnerung: das Internet startete als Kommunikationstool wissenschaftlicher Einrichtungen für den Fall eines Atomkriegs). Neue Gatekeeper wie Fact Checker können dem leider nur sehr wenig entgegensetzen.

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