Against Moral Social Media Panics

Ein etwas kurzsichtiger Kommentar von Milton Mueller beim Cato Institute über eine Moral Social Media Panic, der die alarmierenden Studien der jüngeren Zeit schlichtweg ignoriert und als Argument erstaunlicherweise einen der Faktoren ins Feld führt, die Social Media erst zum Outrage-Katalysator machen: Hypertransparenz. Diese führt laut Autor dazu, dass wir auf einmal Phänomene sehen würden, die vorher unsichtbar blieben, zum Beispiel Gossip oder Bullying und Vandalismus. Wo diese Phänomene angeblich unsichtbar sein sollen, ist mir ein Rätsel, soweit ich weiß, sind Bullying und Vandalismus seit jeher Teil der öffentlichen Debatte und es gibt ganze Magazin-Regale voller Gossip. Der Text ignoriert dann auch folgerichtig den Wettbewerb in der Aufmerksamkeitsökonomie um Clicks und Likes, er ignoriert die beschleunigende Wirkung der Vernetzung, er ignoriert die Effekte größerer Reichweiten, er ignoriert den Wegbruch von Gatekeepern und er ignoriert die Auswirkungen sozialer Medien auf eben jene Phänomene wie Gossip, was unter anderem folgende Konsequenzen hat:

the greatest facilitator of race-hatred against refugees isn’t a tabloid; it’s Facebook. Researchers at the University of Warwick recently studied every anti-refugee attack – 3,335, over two years – in Germany. They found that among the strongest predictors of the attacks was whether the attackers are on Facebook. The social network aids the dissemination of rumours, such as that all refugees are welfare cheats or rapists; and, unmediated by gatekeepers or editors, the rumours spread, and ordinary people are roused to violence. Wherever Facebook usage rose to one standard deviation above normal, the researchers found, attacks on refugees increased by 50%. When there were internet outages in areas with high Facebook usage, the attacks dropped significantly. (Guardian)

Am erstaunlichsten wirkt dieser Text, wenn er zwar „große Effekte der Hypertransparenz auf den Dialog über Regulation der Kommunikation“ feststellt, diese „großen Effekte“ sind aber bei allen anderen sozialen Phänomenen auf einmal verschwunden und spielen dort keine Rolle mehr. Ebenfalls verschweig der Text die Rolle emotionaler Manipulation durch die medieninhärente Übertreibungstendenz in eben jener Aufmerksamkeitsökonomie oder der Fälschung von Inhalten durch die grundsätzliche Editierfähigkeit aller digitalen Inhalte.

Der Text offenbart seine Oberflächlichkeit auch dann, wenn er über das „Kuschel-Hormon“ Oxytocin spricht, das über Vernetzung und „Likes“ ausgeschüttet wird. Hätte Mueller seine Hausaufgaben gemacht, wüsste er, dass Oxytocin nicht nur für „trust, empathy, and generosity“ für die In-Group verantwortlich ist, sondern auch für gesteigerte Aggressivität und Ausgrenzung für die Out-Group, womit Polarisierung und exzessive Empörung in sozialen Netzwerken erklärt werden können (vorher auf NC: Das Oxytocin-Web).

Ebenso scheint Milton Mueller sich nicht über die dualistische Daseinsform der Kommunikation klar zu sein, wenn er über „storable, searchable records“ menschlicher Aktivität spricht. Die mündliche Rede gewinnt unter diesen Bedingungen Veröffentlichungscharakter, was die menschliche Kommunikation neuen Bedingungen unterwirft. Mir scheint, Mueller unterschätzt die Effekte dessen massiv.

Der Artikel gewinnt an den Stellen, an denen er zum Beispiel die Rolle von Bots und der russischen „Einmischung“ in die US-Wahl 2016 richtig einschätzt. Die Anzahl der Bots sagt nichts über deren Impact und der Erfolg der russischen Medienkampagne 2016 war nicht eine manipulierte Wahl, sondern eine weitere Polarisierung der Öffentlichkeit durch gefälschte, hyper-einseitige, politische „Memes“, etwa für Black Lives Matter oder die Waffenlobby, einsehbar etwa in der Datenbank russischer Facebook-Ads.

Einer Meinung mit dem Autor bin ich dann am Ende mit seiner Diagnose, dass das, was am Netz „kaputt“ ist, genau dasselbe ist, was es so erfolgreich macht: Seine Effizienz in Entdeckung und Austausch von Informationen unter interessierten Teilnehmern in einem bisher unbekannten Ausmaß. Deshalb denke ich auch, dass staatliche Intervention schlichtweg verpufft (as in „The Net interprets censorship as damage and routes around it“) und sich die neuen psychologischen und soziologischen Bedingungen so ausspielen werden, wie sie sich unter diesen neuen Bedingungen eben ausspielen. Daran werden auch moralische oder unmoralische Paniken nichts ändern. Die Vorzeichen dabei lauten, wie der Text richtig sagt: Hypertransparenz und Sichtbarkeit, aber auch Globalisierung und Emotionalisierung, Hyperpolitisierung, eine Erfassung aller sozialer Vorgänge durch massenmediale Bedingungen und so weiter.

Ich halte diesen Kommentar für interessant als medienphilosophische Diskussion der libertären „Hands off“-Haltung zur Neuformierung der gesellschaftlichen Synchronisation durch soziale Massenmedien, der an vielen Stellen durch seine selektive Ignoranz leidet und daher nur eine eingeschränkt korrekte Diagnose des Zeitgeschehens liefern kann. Als Hinweis sei hinzugefügt: Das Cato Institute ist ein konservativer Think Tank und wird von den Koch Brothers finanziert.

Cato Institute: Challenging the Social Media Moral Panic: Preserving Free Expression under Hypertransparency

The human activities that are coordinated through social media, including negative things such as bullying, gossiping, rioting, and illicit liaisons, have always existed. In the past, these interactions were not as visible or accessible to society as a whole. As these activities are aggregated into large-scale, public commercial platforms, however, they become highly visible to the public and generate storable, searchable records. In other words, social media make human interactions hypertransparent. […]

Hypertransparency generates what I call the fallacy of displaced control. Society responds to aberrant behavior that is revealed through social media by demanding regulation of the intermediaries instead of identifying and punishing the individuals responsible for the bad acts. There is a tendency to go after the public manifestation of the problem on the internet, rather than punishing the undesired behavior itself. At its worst, this focus on the platform rather than the actor promotes the dangerous idea that government should regulate generic technological capabilities rather than bad behavior.

The psychological claims also seem to suffer from a moral panic bias. According to Courtney Seiter, a psychologist cited by some of the critics, the oxytocin and dopamine levels generated by social media use generate a positive “hormonal spike equivalent to [what] some people [get] on their wedding day.” She goes on to say that “all the goodwill that comes with oxytocin — lowered stress levels, feelings of love, trust, empathy, generosity — comes with social media, too … between dopamine and oxytocin, social networking not only comes with a lot of great feelings, it’s also really hard to stop wanting more of it.”9 The methodological rigor and experimental evidence behind these claims seems to be thin, but even so, wasn’t social media supposed to be a tinderbox for hate speech? Somehow, citations of Seiter in attacks on social media seem to have left the trust, empathy, and generosity out of the picture. […]

What is “broken” about social media is exactly the same thing that makes it useful, attractive, and commercially successful: it is incredibly effective at facilitating discoveries and exchanges of information among interested parties at unprecedented scale. As a direct result of that, there are more informational interactions than ever before and more mutual exchanges between people. This human activity, in all its glory, gore, and squalor, generates storable, searchable records, and its users leave attributable tracks everywhere. As noted before, the emerging new world of social media is marked by hypertransparency.

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