Metastudie über kognitive Wirkungen von Handschrift und digitalem Schreiben

Das Mercator Institut für Sprachförderung hat die bisherigen Studien über Vor- und Nachteile von Handschrift und digitalen Schreibmethoden ausgewertet. Laut dieser Meta-Studie ist digitales Schreiben vor allem für lange Texte geeignet, die sprachlich präziser, inhaltlich sinnvoller und grammatikalisch ausgearbeiteter sein sollen. Handschrift dagegen ist für kognitive Prozesse und Informationsverarbeitung förderlich, der manuelle Prozess erfordert eine genauere Informationsauswahl was wiederum zu einer besseren Gedächtnisleistung führt.

Angeblich ergäbe es laut dieser Studie „keinen Sinn, das Handschreiben und Tastaturschreiben gegeneinander auszuspielen“ – genau das finde ich allerdings schon: Diese Studie zeigt ganz eindeutig, dass digitales Schreiben auf Tastaturen in der Vor- und Grundschulzeit nichts zu suchen hat. Sie bestätigt damit genau das, was ich seit Jahren fordere: Digitales Gerät raus aus Grundschulen, keine Laptops für Kids unter 10, zumindest nicht als Schreibwerkzeug. Ich persönlich würde einen Einsatz digitaler Schreibmethoden bis Klasse 10 kategorisch ausschließen, selbst wenn nachgewiesen wurde, dass das Schreiben mit Tastatur bei Kids der Klassen 1-6 mit Lese-Rechtschreib-Schwierigkeiten zu besseren Schreibleistungen bezüglich Rechtschreibung und Textlänge führte.

Die Vorteile digitalen Schreibgeräts liegt ganz eindeutig auf Textmenge und Textqualität, beides Kriterien, die in der Grundschule keine allzu große Rolle spielen. Handschrift ist essenziell zur Entwicklung der Informationsverarbeitungsprozesse in den Gehirnen von Kids und ein Laptop mag mit 10 ein geiles Spielzeug sein und damit habe ich überhaupt kein Problem, aber es ist kein Ersatz für Stifte und Papier.

Mercator: Neuer Faktencheck: Handschrift in der digitalisierten Welt (Studie als PDF)
FAZ: Die Handschrift ist nicht alles

Aus dem PDF:

Es gibt Studien, die für einen Zusammenhang zwischen der Handschrift und besseren Gedächtnisleistungen beziehungsweiseeiner erhöhten Aktivität in verschiedenen Gehirnregionen sprechen (Frangou,Ruokamo, Parviainen & Wikgren, 2018; Smoker, Murphy & Rockwell, 2009;Longcamp, Boucard, Gilhodes, Anton, Roth, Nazarian & Velay, 2008; Mueller& Oppenheimer, 2014). So wiesen etwa Mueller und Oppenheimer in einerStudie nach, dass das Handschreiben zu einer besseren Gedächtnisleistungbei Studierenden führt als das Schreiben mit der Tastatur. Für diese Studiefertigten 151 Studierende entweder handschriftliche Notizen oder Mitschriftenam Laptop zu Videovorträgen an. Nach Ablenkungsaufgaben wurde das Wissen der Teilnehmenden über die Videovorträge abgefragt. In den Verständnisfragen erzielte die Handschrift-Gruppe eindeutig bessere Ergebnisse. Dieseführen die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler aber nicht auf die Handschrift an sich zurück, sondern auf die Schreibgeschwindigkeit. Die motorischlangsameren Handbewegungen bei der Handschrift zwingen die Schreibenden, Informationen stärker auszuwählen und in eigenen Worten wiederzugeben, wodurch jene besser verarbeitet werden können. Im Gegensatz dazukann mittels Tastaturschreiben nahezu wörtlich mitgeschrieben werden, weiles grundsätzlich mit einer viel höheren Geschwindigkeit als das Handschreiben stattfinden kann. Da handgeschriebene Notizen kürzer ausfallen unddie Schreibenden während des Schreibprozesses Informationen auswählen,kommt es beim Handschreiben zu einer besseren Informationsverarbeitungals beim schnelleren Tastaturschreiben (Mueller & Oppenheimer, 2014).

Während in der zuvor genannten Studie (Mueller & Oppenheimer, 2014) derEinfluss auf die Gedächtnisleistung und Informationsverarbeitung bei Studierenden untersucht wurde, haben Forscherinnen und Forscher im NationalenBildungspanel (NEPS) den Einfluss der Handschrift auf die Rechtschreibkompetenz im Vergleich zum Tastaturschreiben in der fünften Klasse betrachtet (Frahm & Blatt, 2015). Die Rechtschreibkompetenz überprüften sie bei5.203 Schülerinnen und Schülern in zwei Gruppen (Handschrift vs. Computer)mittels eines Rechtschreibtests. Die Ergebnisse zeigten zunächst eindeutigeUnterschiede zwischen beiden Gruppen. So erzielte die Handschrift-Gruppeum circa sechs Prozent bessere Rechtschreibleistungen als die Gruppe, dieden Test mit der Tastatur schrieb. Die Daten deuten jedoch darauf hin, dassdie Tastatur-Gruppe, im Gegensatz zu den Studierenden der Studie von Muellerund Oppenheimer (2014), nicht schnell genug tippen konnte und deshalbzum Beispiel insbesondere Wortendungen fehlerhaft waren (Frahm & Blatt,2015). Es ist daher nicht eindeutig geklärt, ob das Tastaturschreiben grundsätzlich zu schlechteren Rechtschreibkompetenzen als das Schreiben mit der Hand führt.

Einige andere Studien belegen hingegen, dass der Einsatz von Computern und Programmen zur Textverarbeitung einen schwachen bis mittleren Einfluss auf die Textqualität hat. Dies zeigt sich in größeren Textmengen, sprachlich richtigeren und inhaltlich sinnvolleren Texten (Philipp, 2012; Dahlström & Boström, 2017). Von der Nutzung eines Computers und von Textverarbeitungsprogrammen scheinen insbesondere schwache Handschreiberinnen und Handschreiber zu profitieren (Bisschop, Morales, Gil & Jiménez-Suárez, 2017). In zwei Längsschnittstudien wiesen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler bei Kindern mit Lese-Rechtschreib-Schwierigkeiten aus den Jahrgangsstufen 1 bis 6 nach, dass das Tastaturschreiben zu besseren Schreibleistungen führt, das heißt, dass die Kinder schneller schreiben und auch längere Texte verfassen. Denn durch das Tastaturschreiben wird das Arbeitsgedächtnis der Schreibenden entlastet (Berninger, Abbott, Augsburger & Garcia, 2009; Berninger, Abbott, Jones, Wolf, Gould, Anderson-Youngstrom, Shimada & Apel, 2006; vgl.auch Feng, Lindner, Ji & Joshi, 2019).

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