Die Moral der neuen globalen Eliten

Genauso ätzende wie zutreffende Kritik an den neuen Eliten von Alexander Grau in der NZZ. Der Text baut auf dessen Buch Hypermoral auf, in dem er diese Moralisierung als emotionalisierendes Werkzeug im Kampf um die Meinungshoheit identifiziert, was in diesem neuen geilen Internet und seinen emotional synchronisierenden scheinsozialen Medien auch ganz hervorragend funktioniert.

NZZ: Sie sind überall zu Hause, ihr Lifestyle ist moralisch aufgeladen, und sie sehen sich als Speerspitze des Fortschritts: Eine Analyse der neuen globalen Eliten

Da die neuen Eliten sich vor allem als progressiv, als Avantgarde definieren, ist die von ihnen proklamierte Moral zunächst auf eine Überwindung des Überlieferten und Gegebenen ausgerichtet. Man versteht sich als Vorkämpfer des Modernismus, als Reformkraft, die die Menschheit in eine bessere Zukunft führt. Man gibt sich progressiv und feiert die Überwindung des Gestern. Überlieferte Vorstellungen und tradierte Wertehaltungen gelten als verdächtig. Sie gilt es hinter sich zu lassen.

Zum Habitus der neuen Eliten gehört daher konsequenterweise eine Beschäftigung in sogenannten Zukunftsbranchen. Man arbeitet im IT-Bereich, im Kultur- oder Medienbetrieb, vielleicht aber auch bei einem weltweit agierenden Konzern oder einer internationalen Organisation. Und da man sich in diesem Umfeld ausschliesslich unter seinesgleichen bewegt, vereinigen sich Kosmopolitentum und Provinzialität, Weltoffenheit und Borniertheit zu einer historisch singulären Ideologie.

Elite zu sein, wird zu einer Gesinnungs- und Lifestylefrage, wobei sich Gesinnung und Lifestyle unmittelbar miteinander verschränken. Nationale Kulturen hält man per se für überholt, Grenzen jeder Art für Ausdruck von Borniertheit, man ist polyglott und bastelt sich seinen individuellen Lebensstil aus den Versatzstücken des globalen kulturellen Angebots: Man liebt französische Filme, entspannt bei indischem Yoga, geniesst italienische Küche und bevorzugt skandinavisches Design. […] Vor allem aber fühlt man sich als Teil einer neuen, globalen Kultur und Avantgarde, besagter Hyperkultur, die in Berlin und Zürich ebenso zu Hause ist wie in Sydney. Man definiert sich nicht über lokale Verortung, sondern über die sozialen Netzwerke der Gleichgesinnten.

Diese Hyperkultur ist in ihrer Radikalität neu. Allerdings kündigte sie sich seit zweihundert Jahren an, als die «schrecklichen Kinder der Neuzeit» (Peter Sloterdijk) zum Massenphänomen wurden. Denn die Moderne ist die erste Epoche, deren Identität darin besteht, sich permanent selbst überwinden zu wollen. Die Moderne will modern sein. Und modern sein bedeutet, fortschrittlich zu sein. Exponent dieser Zerschlagung des Vorhandenen und Überlieferten war über zwei Jahrhunderte das Bürgertum. Und es ist nur konsequent, dass am Ende der Moderne die Selbstzerstörung des Bürgertums im Namen der Bürgerlichkeit steht.

Wikipedia zum Buch Hypermoral – Die neue Lust an der Empörung: „In seinem Buch Hypermoral setzt sich Grau kritisch mit dem Phänomen auseinander, dass Moral bzw. moralische Begründungen des politischen und gesellschaftlichen Handelns in modernen westlichen Gesellschaften eine nie dagewesene Relevanz und Reputation genießen. Moral habe eine meinungsbildende Monopolstellung bekommen, andere rationale Erwägungen (technische, wissenschaftliche, ökonomische) würden diskreditiert (Hypermoral. S. 10). Dafür macht Grau vier historische Entwicklungen verantwortlich: die Säkularisierung, die Individualisierung, das Entstehen einer Massengesellschaft und die Massenmedien. Die Moralisierung quasi aller gesellschaftlichen und politischen Fragen diene im Kern der Emotionalisierung und damit der Massenmobilisierung im Kampf um die öffentliche Meinung.“

Diese Moralisierung wird laut Grau von der neuen kreativen, kosmopolitischen, globalen Klasse vorangetrieben, was angesichts neuer Studien so nicht haltbar ist: Vor allem konservative Männer erliegen der Empörung und zeigen in ihrer täglichen Auswahl von Meldungen eine Neigung zur Negativität („negativity biases in news selection“) und damit auch zur Empörung und Wut. Im eher linken Spektrum zeigt sich diese Verzerrung vor allem bei politisch engagierten Menschen, also vor allem bei Aktivisten auf Twitter. Man könnte auch sagen: Die Moralisierung und dazugehörende Empörung werden von konservativen Männern und linken Aktivisten gleichermaßen betrieben und beide steigern sich in einer Empörungsspirale in immer absurdere Extreme.

Dennoch ist die Kritik Alexander Graus der globalen kreativen (und oft linksidentitären) Klasse zutreffend, genau eine solche schonungslose Analyse würde ich mir für konservative Berufsaufreger ebenfalls wünschen und das Bild der neuen Eliten ist ohne das Bild der alten Eliten nicht vollständig, die Gelder in Fossile Brennstoffe oder rechte Organisationen, denn die Moralisierung mag ein Werkzeug der Emotionalisierung in Massenmedien sein, sie ist aber ebenso ein althergebrachter Protest gegen Schattenwirtschaft, Korruption und menschenverachtende Politik. Ein Aspekt den Grau leider außen vor lässt.

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