„Print is dead“ gedruckt auf mattseidenem Papier

Die Forschungsinitiative „Evolution of Reading in the Age of Digitisation“ (E-READ) bestehend aus 130 Forschern aus 30 Ländern hatte bereits im Januar die sogenannte Stavanger-Erklärung unter anderem in der FAZ veröffentlicht, eine Zusammenfassung einer vergleichenden Meta-Studie über das Lesen auf Papier und Digitalmedien am Bildschirm. (Bild oben: Reading Comprehension, CC-BY-SA-4.0)

Die Studie kommt zu einem eindeutigen Schluss: Die Informationsverarbeitung beim Lesen am Bildschirm bleibt im Vergleich zum Lesen auf Papier oberflächlich, es kommt zu einer Art rezeptiven Dunning-Kruger-Effekt, aufgrund dessen man seine Verständnisfähigkeiten überschätzt was in Umkehr zu noch oberflächlicherer Informationsaufnahme führt.

Vorteile digitaler Lesegeräte zeigen sich alleine dort, „wo die digitale Leseumgebung sorgfältig auf die jeweiligen Leser zugeschnitten wurde“, also im schulischen Bereich nur bei Individual-Unterricht. Interessant: „Bei narrativen Texten wurden keine Unterschiede festgestellt“ und der Grund hierfür würde mich brennend interessieren.

Eine Metastudie von vierundfünfzig Studien mit zusammen mehr als 170000 Teilnehmern zeigt, dass das Verständnis langer Informationstexte beim Lesen auf Papier besser ist als beim Bildschirmlesen, insbesondere wenn die Leser unter Zeitdruck stehen. Bei narrativen Texten wurden keine Unterschiede festgestellt.

Entgegen den Erwartungen zum Verhalten von „digital natives“ hat diese Unterlegenheit des Bildschirms gegenüber dem Papier in den vergangenen Jahren eher noch zu- als abgenommen, und zwar unabhängig vom Alter und von Vorerfahrungen mit digitalen Umgebungen.

Unsere embodied cognition (wonach von Eigenschaften unseres gesamten physischen Leibes abhängt, was wir lernen, wissen und tun können) kann zu Unterschieden zwischen dem Lesen auf Papier und auf Bildschirmen hinsichtlich des Verstehens und Behaltens beitragen. Dieser Faktor wird von Lesern, Erziehern und sogar Forschern unterschätzt.

Wie bereits bei der Meta-Studie zur Handschrift neulich kann ich meine in Bildungsfragen grundsätzlich konservative Haltung hier nur noch einmal unterstreichen: Digitales Lese- und Schreibwerkzeug raus aus Schulen und kein Einsatz von Digitalgerät bis zur 10. Klasse. Ein Laptop ist wohl auch in der vierten Klasse ein prima Entertainment-Gerät, aber kein Ersatz für die Beschäftigung mit Text und das kleinteilige Erlernen von Laut-Symbol-Kombinationen.

Oder wie Schreiblesegerätexperte Dr. Egon Spengler bereits vor hundert Jahren sagte: „Gedrucktes ist total geil und wird ewig leben“.

Kommentar zur Stavanger Erklärung in der FAZ: „Immer größere Teile unserer Lektüre finden auf Bildschirmen statt. Manche Gewohnheiten des digitalen Lesens beeinträchtigen auch das Lesen auf Papier. Wir müssen Schutzmaßnahmen entwickeln und zugleich die Vorzüge des digitalen Lesens ausschöpfen.“

W wie Wissen: Besser lernen mit digitalen Medien?: „Laptops und Tablets sind die neuen Hoffnungsträger in der Wissensvermittlung. Doch digitales Lernen bietet nicht nur Chancen sondern birgt auch Risiken. Wie also muss der Unterricht gestaltet werden, damit alles davon profitieren?“

Interview in der NZZ mit Leseforscherin Maryanne Wolf:

In der sogenannten Stavanger-Erklärung haben kürzlich über 130 Wissenschafter aus ganz Europa festgestellt: Papier ist der beste Träger für Informationen, vor allem wenn man sie auch im Gedächtnis behalten will.

Sie haben eine Metaanalyse von mehr als 50 Studien gemacht, in die mehr als 171000 Menschen involviert waren, um herauszufinden: Gibt es einen Unterschied, wenn wir eine Kurzgeschichte auf dem Kindle oder auf Papier lesen? Die Personen, die auf Papier lasen, verstanden den Text besser, erinnerten sich an mehr Details und konnten den Handlungsstrang besser chronologisch nacherzählen. Wir brauchen mehr Hirnforschung, um wirklich zu verstehen, was im Gehirn vor sich geht, wenn wir digital lesen. Aber die bisherigen Studienergebnisse sind eindeutig. Ich dachte, vielleicht wäre es für die «Digital Natives» anders – also die Generation, die mit digitalen Medien aufgewachsen ist –, aber auch in dieser Altersgruppe ist Papier klar im Vorteil.

Was passiert beim digitalen Schnelllesen?

Es gibt drei Dinge, die mich beunruhigen: Erstens geht die Komplexität der Gedanken verloren, und mit der Komplexität verlieren wir auch die Empathie und das kritische Denken. Zweitens verlieren wir Schönheit. Wenn wir nur drüberhuschen, verstehen wir nicht, wie sehr der Autor damit gerungen hat, das «mot juste» zu finden, den richtigen Ausdruck. Wir verpassen die Nuancen. Das könnte man als Luxus­sorgen abtun, aber der dritte Punkt ist eine echte Gefahr für unsere Demokratie: Wir werden faul, kognitiv ungeduldig und bleiben lieber in unseren Gedankensilos, weil das weniger Zeit und Anstrengung braucht. Damit sind wir leichte Beute für falsche Ängste und trügerische Hoffnungen, und dies sind die beiden wichtigsten Werkzeuge von Demagogen. Diese Atrophie, also das Verkümmern unseres Denkens, hat Auswirkungen auf unsere Demokratie.

SZ: Tiefe Sehnsucht: „Je weiter die Digitalisierung voranschreitet, desto glanzvoller erscheint die Geschichte des gedruckten Buches.“

Dem jüngsten Essay der amerikanischen Buchhistorikerin Sarah Price, “What we talk about when we talk about books”, (2019) ist die Übersetzung ins Deutsche sehr zu wünschen. Er ist ein Frontalangriff gegen die Neigung, alles Nachdenken über die Bücherwelt der Opposition “digital oder print” zu unterstellen, und schlägt vor, einfach den verschiedenen Gebrauch zu untersuchen, den die Leute von Texten machen, was auch immer deren physische Form sein mag.

Die Autorin, 1970 geboren, ist noch wie Anton Reiser in einer analogen Bücherwelt zur Leserin geworden und sehr vertraut mit E-Books. Sie untersucht die Lesespuren in gedruckten Büchern und den Gebrauch, der von Lesegeräten gemacht wird, ihr Essay lässt wenig übrig von der Vorstellung, die zerstreute, oberflächliche, fragmentierte Lektüre lasse sich verlässlich den digitalen Formaten zuordnen, das “deep reading” dem bedruckten Papier.

Gerade für die großen Romane der Vergangenheit gilt, dass die Leser – sehr oft Leserinnen – sie nur selten von der ersten bis zur letzten Seite in einem großen Spannungsbogen durchquerten. Häufig weisen allein die Seiten mit den Verführungsszenen Lesespuren auf, während ganze Kapitel mit Landschaftsbeschreibungen übersprungen werden. Und keineswegs selbstverständlich ist die Fokussierung der gesamten Aufmerksamkeit auf die Lektüre.

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