Batwomans digitale Molotov-Postmoderne

DC Comics hat ein Poster mit Batwoman und Molotov-Cocktail von seiner Instagram-Seite gelöscht, weil irgendwelche Leute in China meinen, es sei eine Unterstützung der Proteste in Hong Kong. Absurderweise handelt es sich um ein Variant Cover und Werbung für das neuen Comic von Frank Miller, der mit The Dark Knight Returns eine der ikonischsten Manifestationen des Batman-Characters erschuf und ein mindestens andeutungsweise reaktionäres Comic, in dem der dunkle Ritter mit Aufständischen Selbstjustiz und politischen Terror verbreitet, Dinge die der chinesischen Regierung nicht fremd sind.

DC Comics is under fire from Chinese fans over a Batman comic book poster that they perceive to be supportive of the ongoing Hong Kong protests. DC shared artwork this week depicting Batman throwing a Molotov cocktail. This stark imagery is superimposed over bright pink text that reads: “The future is young.”

The poster is being used to promote the December 11 release of DC Black Label comic book Dark Knight Returns: The Golden Child, written by popular comic scribe Frank Miller. Black Label is a DC Comics imprint featuring titles for more mature audiences.

Willkommen in der vollendeten digitalen Postmoderne, in der jeder Mensch jedes Batman-Pic nach eigener Perspektive auslegt, in einem sozialen Internet, in dem der mediale Veröffentlichungsprozess radikal demokratisiert und auf einen Klick geschrumpft wurde. Ganz selbstverständlich wird nun ein Motiv mit Batwoman mit Molotov-Cocktail im Hong Kong während der Proteste als Unterstützung der Aufstände gelesen, denn das Bild ist für jeden Batman-Fan dort eine symbolische Repräsentation – ganz egal ob DC Comics das beabsichtigt hatte oder nicht.

Die Vorführung eines pro-revolutionären mexikanischen Films aus den 60s in einem Underground-Kino in Berlin kann auf Twitter zu einer symbolischen Unterstützung für die Proteste in Chile werden, schlichtweg aus Gründen der Sichtbarkeit und Geschwindigkeit. Es genügt ein Retweet mit Hashtag. DC Comics kann in dieser Welt fünfhundert mal verlautbaren lassen, dieses habe Poster nichts mit diesem Protest in Hong Kong zu tun, es sei nur eine symbolische Repräsentation des Akts des Protests an sich, es habe nichts mit realen Ereignissen zu tun und sei reine Fiktion. All das ist irrelevant, denn das Bild repräsentiert ganz real und ganz natürlich gleichzeitig Aufstände in Chile, im Iran, in Hong Kong und bei den Klimaprotesten in den Köpfen der dortigen Teilnehmer. DC Comics’ Erklärungsversuche sind nicht relevant, denn die Freiheit zur globalen Interpretation macht das Bild immer überall zur gleichermaßen feindlichen wie ermunternden Aussage für viele.

Und genau das passiert mich sämtlicher Sprache, allen Aussagen und jeder Meme. Das Netz als Erfüllungsgehilfe des Postmodernismus zerstört die Gemeinsamkeit symbolischer Repräsentation durch Bedeutungs-Überlastung. Das Bild eines Aufstandes, das sämtliche aktuellen Proteste symbolisiert, wird zum billigen Stock Photo, es repräsentiert alles und damit nichts. Die Kategorien der Sprache lösen sich auf und wir stehen vor den Trümmern der Bedeutung selbst. Das neue daran ist nicht, dass jeder und alle nur das lesen, was ihre eigene kontemporäre Identität betrifft, sondern dass alle anderen nun daran Teil haben können.

Das politische Analyse-Tool der Intersektionalität erschafft in dieser digitalen Postmoderne eine Hyperinterpretation der Symbolik: die Analyse aller Aussagen aus allen Perspektiven vermint den Sprachraum, jedes Wort wird Waffe und Liebeserklärung gleichermaßen – ein Batman-Variant-Cover wird politisches Symbol für Aufstand, Unterdrückung, Freiheit und überhaupt alles.

In dieser Welt lesen Leute mit Pickeln am Arsch in einem Batman-Poster den Aufruf zum Aufstand gegen Dermatologen, während die Chilenen die Symbolik des Bildes für sich beanspruchen, Feministinnen sehen in dem Batwoman-Bild einen Protest gegen das Patriachat und in Bolivien tragen sie nun Batman-Outfits gegen ein autoritäres Regime – es wäre fast lustig, wenn es nicht so brandgefährlich wäre. Das Internet und sein technologisch forciertes soziales Paradigma der hierarchiefreien Selbstorganisation offenbart sich als emotional manipulierbares, hysterisches Geschwätz in Hyperspeed, anfällig für Schlangenölverkäufer und Tyrannen auf aller Welt.

Das postmoderne Projekt der Überwindung der Mythen bedeutet in seiner realen digitalen Manifestation die Atomisierung unserer Wirklichkeit in 8 Milliarden Welten – allesamt valide, echt und relevant. Das Internet ist verwirklichte postmoderne Utopie und sie ist ein Alptraum.

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