[Klimalinks 3.12.2019] Eröffnung des Klimagipfels; die Sounds von Klima-Katastrophen; eine Formel für die Dringlichkeit der Klima-Krise

• Wissenschaftler haben eine Formel für die Dringlichkeit der Klimakrise formuliert: Scientist’s theory of climate’s Titanic moment the ‘tip of a mathematical iceberg’.

Rather than being something abstract and open to interpretation, Schellnhuber says the climate emergency is something with clear and calculable risks that you could put into a formula. And so he wrote one.

Emergency = R × U = p × D × τ / T

In a comment article in the journal Nature, Schellnhuber and colleagues explained that to understand the climate emergency we needed to quantify the relationship between risk (R) and urgency (U). Borrowing from the insurance industry, the scientists define risk (R) as the probability of something happening (p) multiplied by damage (D).

For example, how likely is it that sea levels will rise by a metre and how much damage will that cause. Urgency (U) is the time it takes you to react to an issue (τ) “divided by the intervention time left to avoid a bad outcome (T)”, they wrote.

Fast alle europäischen Versicherungen haben sich aus Geschäften mit Kohlekraftwerksbetreibern zurückgezogen und ihnen folgen nun auch amerikanische Versicherer. In Europa gibt es mit Lloyd nur noch eine einzige Versicherung, die mit Kohlekraftwerksbetreibern arbeitet und auch die zieht sich langsam aber sicher zurück, da man die Risiken durch die Klimakrise mittlerweile mit einrechnet.

The number of insurers withdrawing cover for coal projects more than doubled this year and for the first time US companies have taken action, leaving Lloyd’s of London and Asian insurers as the “last resort” for fossil fuels, according to a new report.

The report, which rates the world’s 35 biggest insurers on their actions on fossil fuels, declares that coal – the biggest single contributor to climate change – “is on the way to becoming uninsurable” as most coal projects cannot be financed, built or operated without insurance.

• Die durchschnittliche Temperatur der Erde steigt schneller als gedacht und die World Meteorological Organization prognostiziert einen Anstieg zwischen 3° und 5° bis Ende des 21. Jahrhunderts: Global Warming Prediction Sounds Alarm for Climate Fight.

The world’s average temperature is rising faster than previously thought, headed for a gain that may be triple the goal almost set by almost 200 countries.

The findings by the World Meteorologic Organization suggest an increase of 3 degrees to 5 degrees Celsius (5.4 to 9 degrees Fahrenheit) by the end of the century. It’s another indication of how far off track the planet is in meeting its target to contain global warming to 1.5 degrees Celsius since the dawn of the industrial revolution.

Klimaforscher Stefan Rahmstorf – Jung & Naiv: Folge 447

Wir sprechen über die Ozeane und die Abschwächung des Golfstroms: Was hat das mit dem Klimawandel zu tun? Betrifft der Golfstrom uns überhaupt? Wieso droht ein Domino-Effekt? Lässt sich der Anstieg des Meeresspiegels überhaupt aufhalten? Sind ein paar Zentimeter Anstieg eigentlich so schlimm? Wie viele Meter Meeresanstieg drohen uns, wenn das Eis auf Grönland und in der Arktis schmilzt?

Außerdem geht’s um Klimawandelleugner und -verleugner, Kompensation von Flugreisen sowie die Bedeutung von „Klimaneutralität“.

Text-Version eines Vortrags von Sighard Neckel, Professor für Gesellschaftsanalyse und sozialen Wandel im Fachbereich Sozialwissenschaften der Universität Hamburg, über die „Great Transformation: Die Zukunft moderner Gesellschaften“ und die Soziologie des Anthropozäns. Neckel redet unter anderem über ein Paradox innerhalb linker Theorie: Die Bekämpfung globaler Ungleichheit und eine Anhebung der Lebensstandards in aller Welt bedeutet gleichzeitig faktisch einen Anstieg der CO2-Emissionen.

Soziopolis: Scholastische Irrtümer? Rückfragen an das Anthropozän
Piqd: Klimaverträglich und nachhaltig – eine Weltwirtschaftsordnung für das Zeitalter des Anthropozän?

Die Vorstellung einer handlungsfähigen Weltbürgerschaft, die im Auftrag der gesamten Menschheit die Erde advokatorisch verwaltet, entspringt einem Akteursidealismus, der in der gesellschaftlichen Wirklichkeit keine Entsprechung hat. Sie übersieht alle tiefgreifenden ökonomischen, kulturellen, religiösen und politischen Fragmentierungen, durch welche die Weltgesellschaft gekennzeichnet ist. Das Bild eines globalen politischen Subjekts ist die normative Überdehnung eines Wunschbildes, das aus den Befunden einer globalen Bedrohung die Konstitution eines globalen Akteurs ableitet, ohne zu reflektieren, dass – wie die Soziologie weiß – die Herausbildung kollektiver Akteure keine einfache Funktion ihrer Notwendigkeit ist. Aufgabe der Soziologie wäre es, einen solchen normative overstretch zu analysieren, anstatt sich von ihm die Richtung vorgeben zu lassen.

Die Europäische Zentralbank macht sich fit für die Zukunft und berücksichtigt den Klimawandel in ihren ökonomischen Prognosen: „In a strong hint that as president she would move the ECB beyond its traditional remit of controlling inflation, Lagarde said the bank would incorporate the climate threat into both its economic forecasts and in its capacity as watchdog of the financial system. The ECB, like all central banks, uses models to forecast how the eurozone economy will work. ‘These models need to incorporate the risk of climate change,’ said Lagarde. ‘That’s the very least, I think, we should expect.’“

Eröffnung des Klimagipfels – Frustrierter Weltenlenker: So richtig diplomatisch war der oberste Weltdiplomat nicht mehr: „Was mich frustriert, ist das langsame Tempo des Wandels, wo wir doch alle Techniken und Mittel haben“, sagte UN-Generalsekretär Antonio Guterres am Montag bei der Eröffnung der 25. UN-Klimakonferenz (COP25) in Madrid. Die Menschen müssten den „Krieg gegen die Natur stoppen“. Und er forderte, „alle Regierungen müssen sich jetzt zu neuen Klimaplänen verpflichten“.

Neuer Anlauf für globalen Zertifikatehandel – CO₂-Märkte sollen Kosten für Klimaschutz senken: „Bei der Weltklimakonferenz, die am Montag beginnt, stehen die CO2-Märkte im Mittelpunkt. Durch den Handel mit Treibhausgaszertifikaten soll Klimaschutz billiger werden. Damit das Klima auch etwas davon hat, müssen aber die Marktregeln stimmen. Diese richtig hinzubekommen ist schwierig, wie ein Blick in die Vergangenheit zeigt.“

Neuer Emissionsrekord: Warum nur protestieren hilft: „Nur wenn wir die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen ändern, nur wenn klimafreundliche Gesetze unseren Alltag regeln, nur dann bekommen wir das Problem in Griff. Deshalb heraus auf die Straße, auf zum Klimastreik!“

Klimaaktivistin Thunberg erreicht Europa: Klimaprotestler gen Madrid: „Greta Thunberg schafft es, pünktlich zur Klimakonferenz wieder über den Atlantik zu segeln. Auch aus Deutschland reisen Aktivistinnen an.“

• Gutes Interview mit Klimaforscher Reto Knutti: Sind wir noch zu retten?

An einer Stelle sagt Knutti, er verstünde nicht, weshalb sich die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit innerhalb eines Jahres so gewandelt habe. Dafür gibt es zwei einfache Gründe: Ständige Hitzerekorde in Folge und Greta Thunberg. Wie ich grade im neuesten Hitzerekord-Posting aufgeschrieben habe, schaffen die konstanten Rekordmeldungen eine gesellschaftliche Realität. Das alleine reicht aber noch nicht, es braucht erst ein Kind, das alleine vor dem Parlamentsgebäude steht. Die Seltsamkeit der Meldung löst einen Viraleffekt aus, die Rekord-Fakten schaffen eine wissenschaftlich begründete und konstante Dringlichkeit.

«Man hat kein einziges der Umwelt­probleme durch Eigen­verantwortung gelöst, durch den freien Markt, durch spontane Innovation», sagt Knutti jetzt.

«Nennen Sie irgendwas», sagt er.

«Den Katalysator?», sage ich.

«Es ist egal, welches Beispiel Sie wählen: Katalysator, Partikel­filter, Klär­anlagen, FCKW: Veränderungen gab es nur, wenn der Staat Regeln aufgestellt hat. Früher hat man den Abfall in den Wald geworfen, die Munition in den See und den Atommüll ins Meer. Heute muss der Abfall gesammelt, verbrannt oder recycelt werden. Früher liess man das Abwasser einfach in unsere Seen fliessen. Heute braucht jedes Haus Abwasser­leitungen. Wer würde Klär­anlagen infrage stellen? Gegen die schlechte Luftqualität, das Wald­sterben, den sauren Regen wurden Partikel­filter und Katalysatoren eingeführt. Es gibt Luftreinhalte­verordnungen, Schadstoff­tests für Autos. Man kann nicht mehr einfach einen grossen Kamin aufstellen und Rauch rauslassen. Man hat FCKW verboten wegen des Ozonlochs, und Atom­kraftwerke dürfen die Wasser­temperatur des Flusses, den sie zum Kühlen brauchen, nicht über einen Grenzwert erwärmen, weil sonst die Fische sterben. Man kann argumentieren: Es kann ja auch nicht jeder bauen, wie er will. Oder es kann auch nicht jeder fahren, wie er will. Für die Gesellschaft ergeben diese Regeln durchaus Sinn: Freiheit, solange nicht andere dadurch zu Schaden kommen. Wie man das jetzt immer bewerten will, eine Sache ist mit Blick in die Vergangenheit klar: Ohne Anreize oder Zwang ist im Umwelt­bereich selten etwas passiert. Wenn die Fossilen wenig kosten, die Schäden vom Steuer­zahler übernommen werden und der Staat nicht lenkend eingreift, gehen die Emissionen rauf, rauf, rauf.»

Open Water: Greenlanders on the climate crisis

A glimpse into the lives of three Greenlanders: a hunter, a ship’s captain and a fisherman, individuals whose very existence and heritage is intertwined with the Arctic Ocean. Like many who live in the polar north, their fortunes straddle the extremes of summer and winter. Faced with a drastically changing environment, these seafarers reflect on their past, their present and uncertain future with a complex mix of emotions.

Handfestes im ‘Paradies’: Wie im Pazifik gegen die Folgen des Klimawandels gekämpft wird: „Viele der Gruppen in den pazifischen Inselstaaten, mit denen ich zusammengearbeitet habe, verstehen Umweltgerechtigkeit als eine Frage der Menschenrechte. Der Zugang zu ihrem Land, ihren Gewässern und ihre Ressourcen ist ihr unveräußerliches Recht. Dieses Recht werden ihnen aufgrund von Umständen entzogen, die außerhalb ihrer Kontrolle liegen. Gerade in nationalen und internationalen Steuerungsgremien ist es sinnvoll, Umweltgerechtigkeit als Menschenrecht zu benennen.“

• Die Haltung der rechten Regierungen in den ehemaligen Ostblock-Staaten in a nutshell: „Why should we decide 31 years ahead of time what will happen in 2050?“ Ansonsten haben die Rechten eher wegen Flüchtlingen die Hosen voll, wie immer: Migration v climate: Europe’s new political divide: „In Hungary and elsewhere, activists are demanding climate action but politicians say biggest threat comes from migration.“

Mosquitoes bring ‘mystery illness’ to the mountain villages of Nepal: „Rising temperatures linked to outbreaks of dengue fever high in the Kathmandu Valley, experts say“

‘Unprecedented’ Rains in East Africa Offer a Glimpse of the Climate Emergency: „As world leaders gather in Madrid to come up with solutions to the climate crisis, the people of East African nations such as South Sudan, Kenya, and Somalia are feeling the effects firsthand. Incessant rains throughout the region have spurred flash floods, affecting millions across the region as families are displaced and killing more than 250 people“.

• Erneuerbare Energien aus den Methan-Emissionen von Essensabfällen: Farmers Are Using Food Waste To Make Electricity

• Es gibt Sounds, die eine Art Klima-PTSD bei Menschen auslöst, die Flut-Katastrophen oder Hurrikane überlebten, also starke Wind-Geräusche, heftiger Wellengang und peitschender Sturmregen und so weiter: The Sounds That Trigger Trauma.

• Die Trump-Regierung veröffentlicht ihre schlechte Klima-Nachrichten an Feiertagen, wenn es keiner mitbekommt weil na klar tut sie das: A Grave Climate Warning, Buried on Black Friday: „In a massive new report, federal scientists contradict President Trump and assert that climate change is an intensifying danger to the United States. Too bad it came out on a holiday.“

Podcasts:

HR2 Der Tag: Mehr Kohle fürs Klima – Was kostet das gute Gewissen? (MP3)

“Auf Grund eines Ablassbriefes das Heil zu erwarten, ist eitel”, urteilte schon vor über 500 Jahren der Reformator Martin Luther. Jetzt trifft sich die Welt in Madrid, um genau ihn wieder aufleben zu lassen: den Ablasshandel. Dieses Mal geht’s nicht um das fiktive Seelenheil einzelner Gläubiger, sondern um das konkrete Überleben aller Menschen. Aber irgendwie ist der Handel mit Erderwärmungszertifikaten, der bei der Klimakonferenz in Madrid verhandelt wird, doch sehr ähnlich dem Ablasshandel, den Martin Luther in seiner 52. These gegeißelt hat. Und vielleicht wird dann demnächst ein Reformator seine Thesen an die Pforte der UNO nageln und den ganz großen Wandel einläuten, der die bisherige Weltordnung ins Wanken bringt. Oder er funktioniert doch, der Handel mit CO2-Verschmutzungsrechten. Und die Welt wird von einem neuen Markt gerettet, nachdem der Kapitalismus sie zerstört hat.

NDR Feature: Greta bringt die Welt in Ordnung (MP3, Info)

Im Sommer 2018 begann die damals 15-jährige Stockholmer Schülerin Greta Thunberg mit ihrem „Schulstreik für das Klima“. Mit einem selbstgemalten Pappschild hockte sie sich vor das schwedische Parlament. Die kleine Tat zeigte bald enorme Wirkung. Hunderttausende Schüler sind heute weltweit bei #fridaysforfuture aktiv. Sie engagieren sich vehement dafür, dass die Mächtigen endlich aufwachen. Manche aber reagieren auf den Protest mit Hohn und offenem Hass. Politiker und Publizisten plädieren dafür, den Klimawandel den „Profis“ zu überlassen.

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