Die Gamifizierung des öffentlichen Diskurses

Sehr guter Vortrag von C. Thi Nguyen beim Royal Institute for Philosophy, der die Phänomene digitaler Empörungskultur hier hervorragend als Gamifizierung des öffentlichen Diskurses analysiert und ein wenig Ordnung und Klarheit in der Debatte um Internet-Outrage schafft.

Echo-Chambers sind ein altbekanntes Phänomen und existieren, seit dem es Menschen gibt und Nguyen fragt in seinem Talk nach den Dynamiken sozialer Medien, die dieses alte Phänomen im Netz so massiv eskalieren lassen, dass sie in den massenhaften Empörungswellen und Shitstorms münden, die wir heute kennen und die den Eindruck vermitteln, das Internet sei „kaputt“. Dabei funktioniert es ja genau, wie es soll: Es vernetzt und bringt uns näher zusammen, einfacher als jemals zuvor. Und genau das ist das Problem, denn genau das bietet Einfallstore für emotionale, psychologische Manipulation on a massive Scale.

Laut Nguyen ermöglicht das Netz eine massive Komplexitätsreduktion und Kommodifierung unserer moralischen Werte, die wir in „spielerischen“ Quantifizierungen wie Likes und Retweets für den eigenen Vorteil ausbeuten. Wir banalisieren unsere Werte, um online Spiele zu betreiben „for pleasure“, also um uns zu Vergnügen. Nguyen beschreibt dann einen Prozess, in dem wir unsere Moral behandeln wie Porno und oberflächlich „moralische Werte“ proklamieren, ohne tatsächlich moralisch zu handeln (Porno ist sexuelle Handlung ohne tatsächliche sexuelle Intimität). Ich schreib bereits vor Jahren, dass wir uns im Internet gerne empören, weil es uns tatsächlich biologisch anturnt. Genau deshalb bezeichne ich dieses Emo-Netz als „Neues Geiles Internet“.

Diese Gamifizierung macht aus unserer Moral reines Futter in einem Wettbewerb um Aufmerksamkeits. Virtue Signaling ist die Munition im Ego-Shooter scheinsozialer Medien und unsere Werte werden dank prominent ausgestellten Likes und Follower-Zahlen zum reinen Score in diesem neuen Spiel.

Hier die Zusammenfassung seines Vortrags von einer Vorlesung an der Uni Santa Cruz:

The Gamification of Public Discourse

The pleasures of games include, among other things, the experience of a fantasy of value clarity. In games, our goals and values are clear, quantified, and easy to apply and rank. This provides us with a particular existential balm – a momentary liberation from the ambiguities and difficult pluralities of moral life. Games instrumentalize our ends, for the sake of the pleasure of the experience of play. This is morally acceptable in games, because the ends in games are temporary and disposable. Instrumentalizing our enduring epistemic ends, on the other hand, invites bad faith reasoning. Social media encourages the instrumentalization of our epistemic ends, by offering highly salient quantified targets: Facebook Likes and Twitter Likes and Retweet numbers. It invites us to shift the ends of public discourse from some more subtle value towards, say, maximizing retweet numbers. We would thereby increase the pleasures of value clarity from engaging in discourse. Importantly, among those pleasures are: the pleasures of the simplified experience of moral outrage, and the pleasures of being part of a united epistemic community. But changing one’s epistemic aims for the sake of these pleasures is bad faith reasoning. And the form of the pleasures may help us to understand the relationship between social media and the formation of echo chambers.

The gamification of public discourse is an example of what I call “value capture”. Value capture occurs when: 1.) our values are naturally rich and subtle; 2.) we are placed in a social or institutional setting with simple, explicit, typically quantified representations of those values; 3.) we internalize those simple representations of our values; and 4.) things get worse. Some other examples include being value captured by FitBit’s step counts, academic citation rates, and GPA’s. The gamification of public discourse helps us see how we can understand the problem of value capture: it’s the inappropriate instrumentalizatio of an end.

Jetzt Nerdcore unterstützen!

Nerdcore veröffentlicht seit mehr als 12 Jahren Analysen und Dokumentationen zu Memetik, Netz-Soziologie und digitalen Subkulturen, garniert mit jeder Menge Kunst, Entertainment und Unfug. Nerdcore prägte die deutsche Netzkultur maßgeblich, initiierte die erste deutsche Meme, ging Frau Merkel mit Flashmobs auf die Nerven und manche Menschen behaupten, ich würde ab und zu gute Arbeit abliefern.

Die Website ist seit 2017 werbefrei und wird aus Spenden und Abonnements finanziert. Um den Betrieb der Seite und meine Vollzeitstelle zu sichern, könnt ihr gerne ein Abonnement auf Patreon oder Steady abschließen oder mir eine einmalige Spende oder einen Dauerauftrag per Paypal oder auf mein Konto (IBAN DE05100100100921631121) zukommen lassen.

Vielen Dank an alle Leser und Unterstützer dieses Blogs.

Neu auf Nerdcore:

r/Nerdcore_de

James Brown x Motörhead

[Musikvideos] Haru Nemuri / Black Dresses / VTSS / Eyes Without A Face / Chromatics / Laima / Avril Spleen / All We Are / Kidbug / The Chats / The Weeknd

[Musikvideos] Bonnie ‘Prince’ Billy / Lightning Bug / Hayley Williams / Cam Cole / Porridge Radio / Ohmme / Swamp Dogg / Mav Karlo / Hazel English

Cartoon Skulls

[Musikvideos] Empress Of / Ed Schraders Music Beat / RMR / JARV IS… / Metal Preyers / Giraffage / EMIT / Capibara / Who Boy