Social Media Screenings in Job-Bewerbungen als Social Credit System

Das chinesische Social Credit System steht in westlichen Ländern völlig zurecht in der Kritik, die Bevölkerung einem immensen Anpassungsdruck durch Überwachungsmaßnahmen aller Aktivitäten auszusetzen. Wer in China böse Dinge in sozialen Medien sagt, darf nicht mehr fliegen und bekommt auf der Bank keine Kredite. Wir zeigen mit dem Finger auf China und – installieren ein eigenes Social Credit System über den Umweg der Job-Vergabe.

Haben die Recruiter der „Human Resources“ gestern noch Namen gegoogelt und ein bisschen in Timelines rumgeklickt, engagieren sie heute Spezialisten wie Fama.io („Unearth the job-relevant behaviors that matter to your business with AI“), die den kompletten Social Graph nach bösen Worten durchsuchen um „misogyny, bigotry, racism, violence and criminal behavior in publicly available online content“ zu finden.

Die Gefahr eines Machine Learning-Algorithmus, der auf unbekannten Datensätzen trainiert wurde, muss ich nicht betonen. Genau wie die Unsinnigkeit einer moralischen Einordnung durch Maschinen. Am Ende kommt dabei dann zum Beispiel ein 300-Seiten-Bericht heraus mit allen geliketen Tweets eines jungen Mannes, die das Wort „Fuck“ enthalten, für den Job völlig irrelevant sind und falsch eingeordnet wurde. Don’t mention the Vodka!

I had to get a background check for my job, and it turns out the report is a 300+ page pdf of every single tweet I’ve ever liked with the work “fuck” in it. Enjoy your dystopian bs! *waves*

To those asking – I did not give them my handle or permission, I’m assuming they just found this via my (old) name.

The especially creepy part is this didn’t turn up anything at all relevant or incriminating! I keep personal info on my non-public accounts. But their shitty algorithm means that my “reputation” and “character” is flagged as questionable and sent to my boss.

Also ironic: the algorithm flagged the word “hell” and flagged this theological commentary in relation to a job… teaching theology…

Ich würde Fama.io und ähnlichen Businesskaspern aus dem HR-Department eine Beratung in den dimodalen Kommunikationsmodi sozialer Medien nahelegen, die grundsätzlich Charakteristika mündlicher wie schriftlicher Kommunikation aufweisen. Ihre algorithmische Woke-Business-Culture sorgt jedenfalls ganz sicher nur dafür, dass die besten Kandidaten das Weite suchen.

In Südkorea gibt es übrigens erste Beratungsfirmen für Bewerber, die Video-Interviews mit AI-Recruitern durchführen müssen und in denen Emotionen aus Gesichtsscans abgelesen werden. Ich vermisse die Zeit, als sich alle auf ganz normale frisierte Lebensläufe geeinigt hatten. Willkommen in der Zukunft.

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