Das Denken der Anderen

5. Februar 2020 12:48 | #Bewusstsein #Psychologie #Wissenschaft

Ein Typ namens Kyle stellte neulich auf den Tweeties fest, es gäbe zwei Arten des Denkens: in Konzepten und in Sprache und die meisten Leute hätten keine Ahnung, dass es die jeweils andersartig denkenden Menschen gibt, also solche mit bzw. ohne inneren Monolog.

Ersterer Denk-Modus erzeugt keinen inneren Monolog und man kann sich konzeptuales Denken wie eine Wolke aus Gedanken-Fragmenten vorstellen. Wenn ich konzeptual darüber nachdenke, in den Supermarkt zu gehen, denke ich innerhalb weniger Sekunden gleichzeitig daran, dass ich: Schuhe anziehen und rausgehen muss, ob ich Geld brauche, Tasche oder Rucksack benötige, wie das Wetter draußen ist und was ich überhaupt einkaufen muss. Alles gleichzeitig, unformuliert, eine diffuse Mischung aus unbewussten Sprachbrocken und Bildern – ein Konzept vom Einkaufen.

Letztere Art zu denken dagegen erzeugt einen ständig präsenten inneren Monolog, ein nie endender Sprach-Faden, die konstante Begleitung des eigenen Lebens durch die eigene, innere Stimme. Ich selbst denke eher selten in diesem Modus und vor allem dann, wenn ich Dinge formulieren möchte, um sie aufzuschreiben.

Ich würde dieser Gedanken-Taxonomie noch visuelles Denken hinzufügen und drei Arten des Denkens unterscheiden: Bild, Text und Konzept. Ich selbst denke allermeistens in Konzepten und Bildern und wenn ich in Sprache denken möchte, dann muss ich meine Gedanken bewusst verbalisieren, tue das dann aber oft zweisprachig (manchmal deutsch, manchmal englisch) und oft dialogisch („Echt jetzt einkaufen, René? Es hagelt!“ – „Na gut, dann Couch“). Wie ich grade gelernt habe, nennt man das „polyphonic internal narration“, die meinem Hauptmodus des konzeptualen Denkens quasi nachgegliedert ist.

Ich bin ein wenig überrascht, dass manche Leute anscheinend tatsächlich exklusiv in nur einem Modus nachdenken, also ausschließlich in Konzepten oder ausschließlich in Form von ausformulierter Sprache. Ich stelle mir einen ständigen inneren Monolog extrem stressig vor, aber wahrscheinlich denken monolog-exklusive Denker das exakte Gegenteil von diffusen Konzept-Denkern, von denen sie wohl annehmen, dass sie bis zur Dummheit relaxt sind, mit ihrem diffusen Hirngewölk stoned gegen die nächste Wand laufen und keine klaren Gedanken zu fassen in der Lage sind.

Der Thread auf Twitter ist superfaszinierend, vor allem die Reaktionen der Follower, hier ein paar davon:

I’m sitting here trying to imagine what hearing your own voice in your head constantly narrating your every waking moment feels like and I’m so fucking glad my mind doesn’t do this. #

So not everyone has a voice inside their head that never, ever shuts up? My internal narrative and I find this almost impossible to comprehend. #

I can think in fully formed sentences if I need to, but the idea many of you have constant, never-ending, Virginia Woolf-esque trains of thought—properly expressed in language—is incredible. #

wait is this real? how do u think if not in sentences in ur head??? #

This is so wild to me I can’t imagine thinking in actual sentences and hearing an internal monologue. People really think in sentences???? #

I have polyphonic internal narration. Everything I do in a day is processed through *several* different internal voices (all me) talking to one another in a conversation. If disgraces, sometimes I accidentally speak aloud the ongoing dialogue. I THOUGHT EVERYONE WAS LIKE THIS. #

Wait so some people don’t have to suffer through the voice in their head going on a constant monologue?? Is that what it means to achieve inner peace?? #

my thoughts are def the abstract ones. if they contain words, it’s more or less just fragments & not complete sentences until they’re coming out. i think it’s why i stumble over my words so often, stutter, always 5 levels ahead of whatever I’m actually saying, rambling, etc #

IFLS: People Are Weirded Out To Discover That Some People Don’t Have An Internal Monologue

A small study in 2011 tried to get a better picture of how people think. They gave beepers (Patrick Stewart impersonating an observational comedian voice: Remember beepers? What’s the deal with beepers?) to a random sample of students. When the beeper went off, they had to note down what was going on inside their heads moments before it went off. This went on for several weeks, to get them used to it and then to get an accurate picture of what was happening inside their minds.

“Subjects experienced themselves as inwardly talking to themselves in 26 percent of all samples,” the team wrote in Psychology Today. “But there were large individual differences: some subjects never experienced inner speech; other subjects experienced inner speech in as many as 75 percent of their samples. The median percentage across subjects was 20 percent.

“Some people talk to themselves a lot, some never, some occasionally.”

In case you’re wondering, deaf people have reported having an internal monologue too.

“I have a ‘voice’ in my head, but it is not sound-based,” one person who was born deaf wrote. “I am a visual being, so in my head, I either see ASL signs, or pictures, or sometimes printed words.”

There are also people out there who can’t picture things in their heads, known as aphantasia.

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