[Rechtslinks 21.02.2020] Nach dem Anschlag von Hanau; Das Lachen der Täter; Völkischer Zorn

Nach dem Anschlag von Hanau werde ich meine Linksammlungen über Nazis, rechtes Denken und den eskalierenden Links-Rechts-Konflikt wieder aufnehmen. Ich dachte, die Konflikte auf ihre Bezüge zu Netzkultur reduzieren und rein philosophisch betrachten zu können. Ich habe mich getäuscht. Hier ein paar der besten Links und Texte, die ich gestern nach Hanau gelesen habe. Ab jetzt wieder regelmäßig.

Nach dem Anschlag von Hanau

  • Rassistische Morde – Der Wahnsinn von Hanau: Ein Rassist erschoss in Hanau zehn Menschen und tötete sich selbst. Wie gehen die Menschen in der Stadt mit dem Terror um?
  • Vortrag von 2015 von Klaus Theweleit über sein Buch Das Lachen der Täter, eine Analyse der Gewalt moderner Attentäter. (Video unten, gefunden in den Kommentaren von Anselm Neft.)

    Das Lachen der Täter. Breivik, NSU u.a. Psychogramm der Tötungslust. Unruhe bewahren. – Klaus Theweleit ließt aus seinem neuen Buch und diskutiert mit Fritz Burschel, Referent Neonazismus und Strukturen/Ideologien der Ungleichwertigkeit in der Rosa-Luxemburg-Stiftung.

    Im Buch geht es um das «befreiende» Lachen von Massenmördern bei oder nach ihren Taten. Ausgehend vom norwegischen «Tempelritter» Anders Behring Breivik, der vor vier Jahren 69 Jugendliche auf der Insel Utøya exekutierte, nimmt Theweleit Massenmorde und Tötungsexzesse der jüngsten Geschichte bis zurück zum deutschen Vernichtungswahn in den Blick.

  • Eine erschreckend aktuelle Analyse von Michael Klarmann aus dem Jahr 2015: Völkischer Zorn.

    Wer wissen will, warum Neonazis nicht nur darüber diskutierten, in den Untergrund zu gehen und zu kämpfen, sondern dies seinerzeit auch zu tun bereit waren, der sollte sich durch zahlreiche Rechtsrock-Songs jener Tage hören. Rechtsextreme Musik war damals das wichtigste Propagandainstrument der Szene, braune Schläger, Brandstifter und Mörder sagten etwa vor Gericht aus, jene Musik habe sie aufgeputscht, dann seien sie zur Tat geschritten. […]

    Im weitesten Sinne vereint der Liedtext klassische Feindbilder, die wir heute ebenso kennen aus Forendiskussionen, Reden oder Äußerungen “besorgter Bürger”, die sich gegen Asylbewerber richten. Jene Feindbilder sind auch bekannt aus dem Umfeld von Islamfeinden, Ausländerhassern, Pegida, HoGeSa, EnDgAmE (“Engagierte Demokraten gegen die Amerikanisierung Europas”), Rechtspopulisten und Neonazis. Mussten in den 1990er Jahren Neonazikader noch mühselig reisen, um vor Ort den Mob radikalisieren und anstacheln zu können, etwa 1992 bei den tagelangen Ausschreitungen, Pogromen und Anschlägen in Rostock-Lichtenhagen, radikalisiert sich heutzutage der “Volkszorn” in den sozialen Medien und über Blogs selbst oder wird dort durch geschickt über ihre Computer und Smartphones agierende Kader weiter angefixt.

    Aus dieser Melange entstand einst der Massenmord eines Anders Behring Breivik, der jedoch nicht direkt in den Krieg zog, um Muslime oder Migranten anzugreifen, sondern die “Kulturmarxisten” in der Regierung und bei der sozialistischen Jugend attackierte. Dylann Roof erschoss anders als Breivik kürzlich in den USA Schwarze in einer Bibelstunde, wollte so einen “Rassenkrieg” entfachen; der Mörder war offenbar ebenso ein in der Gesellschaft Gescheiterter, der sich via Internet radikalisierte. […]

    Längst sind diese besorgten Bürger nicht mehr vom Personaltableau eines echten Naziaufmarschs zu unterscheiden. Wer nicht beim Straßenkampf aktiv wird, sitzt am heimischen Rechner und läuft Amok mittels eines Shitstorms. […]

  • Jener “Schwarm”, der nahezu in Sekundenschnelle mobilisiert werden kann und echte oder vermeintliche Gegner virtuell niederknüppeln will, ist nämlich das, was Zink, der Leiter des Instituts für inderdisziplinäre Konflikt- und Gewaltforschung an der Universität Bielefeld, gegenüber dem WDR beschrieb als Selbstradikalisierung von Menschengruppen via Internet. “Es ist eigentlich so, dass sie meinen, die Volksmeinung zu vollstrecken und ihre Community die Wahrheit gepachtet hat”, umschrieb der Extremismusforscher das Phänomen. In dem Falle fliegen also weder Fäuste noch Brandsätze, hierbei will man gemütlich und irgendwie anonymer als üblich vom heimischen Küchentisch oder dem Schreibtisch im Büro aus verbal jene vernichten, die einem selbst nicht ins Weltbild passen.

    Es sind oft also jene Leute, die behaupten, Medienvertreter seien ständige Lügner, die aber selbst keine Probleme damit haben, zu verbreiten, dass Anschläge wie in Tröglitz ein Versicherungsbetrug gewesen seien und bar jeder Realität verbreiten, “Biodeutsche” hätten heute in Deutschland keine Rechte mehr und seien eine unterdrückte Minderheit.

  • Ein Beispiel für die Realitäts-Umkehrung durch rechtsdenkende Menschen nach den Anschlägen von Hanau. Dieser Screenshot (bewusst nicht anonymisiert) wurde um 9:30 erstellt, der Post war zu diesem Zeitpunkt 21 Stunden alt, also um 12:30 Uhr am 20.2. Zu diesem Zeitpunkt war Angela Merkel grade mit den ersten Erkenntnissen zum Terroranschlag an die Öffentlichkeit getreten und es war klar, dass ein rechtsradikaler Hintergrund und ein extrem rassistisches Motiv vorliegt.

    Das hier ist das Level an Realitätsverweigerung, dem wir uns auf der (noch) nicht radikalisierten Seite der Rechten gegenübersehen. Diese Frau ist nicht auf demselben Level, wie ein durchgeknallter Massenmörder, der 11 Leute über den Haufen ballert, nicht einmal ansatzweise.

    Dieses Posting und die bestätigenden Kommentare darunter sind ein sehr gutes Beispiel einer sich selbst abkapselnden Echo-Chamber, die durch gegenteilige Meldungen gebaut wird. Hier entsteht keine „kognitive Mauer“, die andere Meinungen nicht mehr wahrnimmt, wie von der Filterblasen-Theorie proklamiert, sondern eine hyper-offene Kommunikationsumgebung, die ugefiltert alle Meldungen und Nachrichtungen durchlässt, von radikalen Nazis bis zum Kommentar der Tagesschau und die genau deshalb paranoide Verschwörungstheorien und Radikalisierung fördert. Hier hilft langfristig nur eine ausgedehnte Bildungsoffensive durch ein neues Schulfach der Medienkunde, die bereits im Grundschulalter ansetzt.

    Mehr zu diesem Phänomen auf NC: Online-Echokammern florieren dank Sichtbarkeit gegensätzlicher Meinungen, Studie: Soziale Medien steigern Nachrichtenvielfalt.

  • Nach Anschlag von Hanau – “Die AfD hat das Klima vergiftet”: „SPD-Generalsekretär Klingbeil bezeichnete die Partei als Fall für den Verfassungsschutz. […] Der Grünen-Politiker Cem Özdemir verlangte eine konsequente Ausgrenzung der AfD durch die übrigen Parteien verlangt. Die AfD sei der ‘politische Arm des Hasses’, sagte Özdemir im Deutschlandfunk.“
  • Stephan Schleim auf Telepolis: Terror hat immer auch soziale Ursachen. Diesen Satz bitte ausdrucken und an die Stirn tackern: „Entscheidend ist nicht, die ‘richtige’ Grenze zwischen uns und denen zu ziehen, sondern gar keine, außer der der Menschenrechte und Rechtsstaatlichkeit.“
  • Krautreporter: Hanau, Thüringen, Halle und die Verantwortung der CDU: Die CDU hat Rechtsextremen den Boden bereitet, mit ihnen paktiert und zusammengearbeitet – immer und immer wieder.
  • Gute, ähnliche Analyse von Annette Ramelsberger in der SZ: Die Gewaltbereiten fühlen sich plötzlich verstanden.

    Wenn Neonazis früher vom deutschen “Volkstod” schwafelten, weil migrantische Familien angeblich mehr Kinder als Deutsche bekämen, wurden sie belächelt. Wenn sie vom “Bevölkerungsaustausch” sprachen, den die Regierung angeblich plane, Ausländer statt Deutsche, dann waren sie allein. Doch nun hört man diese Verschwörungstheorien auch in deutschen Parlamenten. Ständig wird da gefordert, das deutsche Volk müsse sich gegen seine Regierung wehren. Gewalttäter fühlen sich dann genau dazu legitimiert: sich zu wehren, mit Waffengewalt.

    Diese Leute spüren, wie die Stimmung umschlägt. Sie erleben, dass völkisches Gedankengut tatsächlich in die Gesellschaft eindringt. Und sie fühlen sich plötzlich nicht mehr als verschrobene Minderheit, sondern quasi als militärischer Arm einer völkischen Bewegung.

  • Mein ehemaliger Kollege Malte Welding auf Facebook:

    Wahnsinnige werden, genau wie gesunde Menschen, durch die Kultur beeinflusst. Ein einleuchtendes Beispiel ist die Truman-Show-Delusion, bei der die Betroffenen glauben, ihr ganzes Leben werde gefilmt. Vor 1998, als die Truman Show lief, gab es diesen Wahn in dieser Ausprägung noch nicht.

    Der vermutlich paranoide Mörder von Hanau wäre nicht weniger paranoid gewesen, hätte die AfD nicht in Endlosschleife Angst vor Einwanderern geschürt, hätte die BILD nicht täglich über Clantreffen in Shisha-Bars geschrieben.
    Aber sein Wahn hätte nicht diese Ausprägung gehabt.

    So wie kein wahnsinniger Mensch im Mittelalter behauptet hätte, von Außerirdischen entführt worden zu sein, käme kein Paranoider auf den Gedanken, auf Shisha-Bars zu schießen, wenn wir eine vernünftige, aufgeklärte politische Landschaft hätten. Eine politische Landschaft, in der Rassisten im Gefängnis statt im Parlament sitzen.

  • Terrorismus

  • Ermittlungen gegen Rechtsextreme: “Teutonico” und seine Terrorzelle: Die jetzt verhafteten Rechtsextremen planten offenbar gezielte Anschläge auf Betende in Moscheen. In einem Gespräch war nach SPIEGEL-Informationen die Rede von “Kommandos”, die in zehn Bundesländern zuschlagen sollten.
  • Rechtsextreme Zelle “Gruppe S.” – Terrorverdächtiger Polizeimitarbeiter war für Waffenscheine zuständig: Sein Job war heikler als gedacht: Nach SPIEGEL-Informationen war ein mutmaßlicher Unterstützer der rechtsextremen “Gruppe S.” als Verwaltungsmitarbeiter vor einigen Jahren an der Vergabe von Waffenscheinen beteiligt.
  • Rechtes Denken / Linkes Denken

  • Kluger Kommentar von Samira El Ouassil zur Leitkultur-Debatte, die ich im Gegensatz zu viele Linken nicht als überflüssig ansehe. Ich halte es da eher mit Verleger Jörg Bong, der 2017 schrieb: „[Leitkultur] kann in nichts anderem bestehen als in der umfassenden, großartigen Kultur des demokratisch-liberalen Wertekanons, der sich in unserem Grundgesetz kristallisiert.“

    Ich gehe sogar noch weiter: Definiert man Kultur als ästhetische Kategorie, eine des Geschmacks und der Ausdrucksform, so kann man beispielsweise sagen, dass Fußball, Bier und die Bayern durchaus der deutschen Kultur einen nicht zu übersehenden Stempel aufgedrückt haben. Leitkultur bedeutet für mich (und wohl auch nicht für Amthor) ein starres Gebilde eines undurchdringlichen Kanons von Anleitungen deutschen Benehmens in Arbeit und Alltag, sondern eine fluide und sich ständig ändernde Ansammlung der Dinge, die in Deutschland prominent werden und von Bestand sind. Wie zum Beispiel der Döner.

  • Publizist Roland Tichy scheitert mit Klage gegen Claudia Roth: „Roth hatte Tichy […] neurechten Plattformen zugeordnet, deren Geschäftsmodell auf Hetze und Falschbehauptungen beruhe.“


Klaus Theweleit: Das Lachen der Täter

Video der Rosa-Luxemburg-Stiftung von 2015 etwas für dich, in dem Theweleit “Das Lachen der Täter” vorstellt. Der Sound des Moderators ist sehr schlecht, also am besten ab Minute 6:35 anfangen, wo Theweleit mit seinem Vortrag loslegt. Er vergleicht in dem Buch Breiwik und andere rechtsextreme Mörder wie den NSU mit islamistischen Mördern etwas des “Islamischen Staats”, aber auch mit SS-Nazis oder Wehrmachtssoldaten im 2. Weltkrieg und den Leuten, die in den 1960er Jahren in Indonesien hunderttausende Kommunisit_innen umgebracht haben (Er kommt dabei auch auf den empfehlenswerten und aber auch sehr sehr schlimmen Film “The Act of Killing” zu sprechen, der dieses Verbrechen mit Täterinterviews und Reenactment von Tätern dokumentiert). Auch erwähnt er in diesem Zusammenhang den Bosnien-Krieg und den Völkermord in Ruanda.

Seine These ist glaube ich, dass die Ideologie, die das Morden rechtfertigt, bestimmte Aspekte aufweisen muss, wie etwa eine unbedingt einzuhaltende (männliche) Hierarchie und ein Wahnsystem, in dem jedes Mittel recht ist, um das Ziel zu erreichen. Dazu eignen sich sowohl radikale völkisch-nationalistische als auch islamistische Ideologien. Also ganz allgemein faschistische Ideologien im weiteren Sinne. Die eigentliche Motivation der lachenden Killer ist aber ihr durch eigene Gewalterfahrungen “fragmentierter Körper”, der sie daran hindert, ein zur Abwägung fähiges “Ich” auszubilden und der bewirkt, dass sie Entspannung oder “Homöstase” nur im als lustvoll empfundenen Akt des Tötens empfinden können und nicht etwa bei schönen und freundlichen entgrenzenden Tätigkeiten wie tanzen oder Sex.

Laut Theweleit eine sehr alte und vor allem Männer betreffende Geschichte, zu der die passenden Ideologien und Religionen einfach dazu erfunden werden. Der aktuelle Mörder wäre demnach eine verachtenswerte Wurst, die sich mit der grassierenden und durch die AFD beförderte Umvolkungstheorie einfach den auf ihn passenden Mindset aus dem Besteckkasten der banalen Bösartigkeit herausgesucht hat. Kein so großer Unterschied zu Anis Amri. Dass er sich nach der Tat umgebracht hat, unterscheidet ihn nicht unbedingt von jemandem wie Breiwik oder Amri.

Entscheidend ist, dass der Mord im Sinne der rechtfertigenden und genau deshalb exzessiv affirmierten Ideologie als wirkungsvolle Performance inszeniert wird. Die Lust ist dabei so groß, dass der Tod in Kauf genommen wird. Das Video lohnt sich wirklich, es ist auch einfach schön anzusehen, wie Theweleit von den Dingen, mit denen er sich da beschäftigt, emotional heruntergedrückt wird, was er nicht ausstellt, was man aber dennoch merkt. Und wie er dann trotzdem wieder lustig ist und auch vielleicht ein wenig und ganz vorsichtig optimistisch.

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