9. Oktober 2018

SocialMedia-Rezeption gegenteiliger politischer Haltungen steigert Polarisation

Im derzeitigen politischen Klima (zumindest in den USA) führt die Rezeption von gegensätzlichen politischen Haltungen auf Twitter zu mehr Polarisation. Paper: Exposure to opposing views on social media can increase political polarization.

Ich stimme Scott Alexander zu, dass dies vor allem einer fortschreitenden Radikalisierung auf beiden Seiten geschuldet ist (auf der Linken beispielsweise durch Figuren wie Sibel Schick).

We randomly assigned respondents to a treatment condition in which they were offered financial incentives to follow a Twitter bot for 1 month that exposed them to messages from those with opposing political ideologies (e.g., elected officials, opinion leaders, media organizations, and nonprofit groups). Respondents were resurveyed at the end of the month to measure the effect of this treatment, and at regular intervals throughout the study period to monitor treatment compliance.

We find that Republicans who followed a liberal Twitter bot became substantially more conservative posttreatment. Democrats exhibited slight increases in liberal attitudes after following a conservative Twitter bot, although these effects are not statistically significant. Notwithstanding important limitations of our study, these findings have significant implications for the interdisciplinary literature on political polarization and the emerging field of computational social science.

Alexander verweist dann auch noch auf einen Quillette-Artikel über die „Better Angels“, die eine Art Anti-Dehumanisierungskampagne fahren: „It is to humanize others who think differently — ultimately, to make us less inclined to demonize others and more inclined to peacefully coexist.“

Bleibt natürlich in diesem Kontext die Frage nach dem Umgang mit einer „Neuen Rechten“, deren Dehumanisierung ideologisch bereits angelegt ist. Man sollte sich beispielsweise daran erinnern, dass eine der frühesten rechten Mainstream-Memes mit rassistischer Konnotation Harambe (der Gorilla) war.

Andererseits zielen Projekte wie etwa Deutschland spricht auf eine Humanisierung von eben nicht radikalen Kräften (wie etwa der AFD oder der Neuen Rechten), sondern von Leuten, die trotz deren radikaler Natur bereit sind, mit ihnen auf die Straße zu gehen – den zentristischen bis mitterechten Protestwähler eben.

30. Juli 2018

Permanent Filter-Clashes

Bernhard Pörksen von der NZZ über die neue digitale Allsichtbarkeit aller Akteure, die im Zusammenspiel mit Filterblasen zur konstanten Reibung und Entzündung des Diskursraums führt: Die Theorie der Filterblasen ist nicht länger haltbar – Wir leiden bereits unter dem Filter-Clash.

Das Zeitalter der Vernetzung ist das Zeitalter des permanenten Filter-Clash, des Aufeinanderprallens von Parallelöffentlichkeiten und Selbstbestätigungsmilieus. Dies zeigt sich, wenn auf Twitter, dem Nachrichtenkanal für jedermann, in einem einzigen Gesprächsfaden die unterschiedlichsten Positionen sichtbar werden. Und das wird im Falle von Extremereignissen erlebbar, die auf der Weltbühne des Netzes zum grossen Drama explodieren. […]

Wie sollte man damit umgehen? Manche wollen in einer solchen Situation der allmählichen Überhitzung von Kommunikation die Idylle wieder zurück, den geistigen Frieden des Nichtsehens, der doch unter vernetzten Bedingungen kaum noch zu haben ist. Ich selbst meine, dass es schon ein erster Schritt in Richtung einer neuen Aufklärung sein könnte, das Theoriebesteck sorgfältiger auszuwählen, mit dem man die erlebbare Polarisierung ganzer Gesellschaften analysiert. Debattiert man über die Macht von Algorithmen, letztlich über die Dominanz der Maschine über den Menschen, negiert seine Autonomie und damit die Fähigkeit zum verantwortlichen Handeln?

Oder erkennt man an, dass hinter alldem der Mensch steckt, mit seinen Interessen, seinen grossen und kleinen Ideologien, seinen Vorurteilen und seinen selbstgeschaffenen Filterblasen, die in einer vernetzten Welt auf immer andere Filterblasen prallen?

Ich behaupte, dass eine neue Meme-Theorie in Verbindung mit einer spezialisierten Netz-Psychologie dieses humanistische theoretische Werkzeug schaffen kann, in dem sie menschliches Verhalten in den digitalen Räumen nach narrativen und psychologischen Grundsätzen beurteilt und erklärt.