30. September 2018

Why Identity Politics is illiberal and no basis for civil rights

Schöner Artikel von Helen Pluckrose und James A. Lindsay, in dem sie anhand von grundlegenden Texten des Intersektionalismus herausarbeiten, warum Identitätspolitik nicht mit universellen Freiheitsrechten vereinbar ist und Identitätspolitiker daher keinesfalls als Aktivisten für Bürgerrechte angesehen werden sollten (was ich fälschlicherweise in der Vergangenheit getan habe, mea culpa). Viel eher kann man die aggressiveren Vertreter_Innen wohl vor allem als eine Art Reparations-Aktivisten betrachten, die eine Art „Rache“ auf medialem und politischem Boden vollziehen. Kein Wunder, dass viele Linke (wie ich) dieser Form des angeblichen Linksseins den Rücken kehren.

Areo: Identity Politics Does Not Continue the Work of the Civil Rights Movements

The Civil Rights Movement, second-wave liberal feminism, and Gay Pride functioned explicitly on these values of universal human rights and did so to forward the worth of the individual regardless of status of race, gender, sex, sexuality, or other markers of identity. They proceeded by appealing directly to universal human rights applying universally. […]

In the late ‘80s and ‘90s a second wave of “theorists” significantly adapted […] postmodern ideas and made them politically actionable—and they kept trading on the good names of the civil rights movements to do it. Postcolonial theorists, intersectional feminist theorists, critical race theorists, and queer theorists largely took on the concept of social constructivism but rejected its radical anti-realism. They argued that nothing could be addressed unless it was accepted that identity groups existed, constructed as they were, and that power clustered around some of them while being denied to others. That is, for these applied postmodernists, objectivity may remain impossible, but identity and oppression based upon it are objectively real.

They identified that these power dynamics arose largely on the level of discourse. Consequently, for true equality to exist, the knowledge of women and racial and sexual minorities, which are understood to be different and products of lived experience, should be foregrounded. Identity politics were born, and they claimed to be the true inheritors of the liberal civil rights project even as they abandoned both the epistemology and ethics that define liberalism both in theory and practice.

17. September 2018

Does Our Cultural Obsession With Safety Spell the Downfall of Democracy?

Die NYTimes reviewt neue Bücher von Jonathan Haidt und William Egginton über die Schattenseiten der Identitätspolitik:

Link: https://www.nytimes.com/2018/08/27/books/review/splintering-william-egginton-coddling-greg-lukianoff-jonathan-haidt.html

If it feels as though we no longer know how to speak or listen in good faith to one another, it’s because we don’t. This is the kind of controversy that might have seemed overblown as recently as the start of the Obama administration. Today it arrives with frequency and fervor — a marker of the country’s rapidly shifting mores, which are the product of new generations increasingly fluent in, in thrall to and in fear of the hyperspecialized language and norms of academia. Whether you even find the above exchange intelligible reveals a great deal more than merely your political bent, touching on aspects of age, education and geography — not to mention distinctions of race and class.

Francis Fukuyama: Against Identity Politics

Auszug aus Francis Fukuyamas neuem Buch über Identitätspolitik.

Link: https://www.foreignaffairs.com/articles/americas/2018-08-14/against-identity-politics

Democratic societies are fracturing into segments based on ever-narrower identities, threatening the possibility of deliberation and collective action by society as a whole. This is a road that leads only to state breakdown and, ultimately, failure. Unless such liberal democracies can work their way back to more universal understandings of human dignity, they will doom themselves—and the world—to continuing conflict.

13. August 2018

Die Lieblingsfilme der Neuen Rechten und das Versagen der Filmkritik

Wolfgang M. Schmitt im Neuen Deutschland über die Lieblingsfilme der Neuen Rechten (Matrix, Fight Club, 300), warum Black Panther ein identitärer Film ist und wie die Filmkritik bei der Benennung dieser Dinge versagt: Völkische und Filme - Was die Lungen noch hergeben.

die Ideologie von »Black Panther« ist geradezu anti-emanzipatorisch, sie ist identitär und ethnopluralistisch: Das fiktive, von König T’Challa regierte Land Wakanda ist undemokratisch, lehnt internationale Interventionen kategorisch ab und setzt auf totale Abschottung, um sowohl den Wohlstand als auch die völkische Identität zu bewahren. T’Challas Gegenspieler, der antikolonialistische und internationalistische Revolutionär Killmonger, muss folglich sterben, um den Status quo nicht zu gefährden. Der vom Film als Utopia verkaufte Staat ist in Wahrheit eine Dystopie - als hätte der rechte Vordenker Alain de Benoist das Drehbuch verfasst.

Lichtmesz hat deshalb recht, wenn er sagt, »Black Panther« sei »vielleicht der erste Altright-Film«. Unter dem Gewand der von Marvel intendierten linksliberalen Identitätspolitik steckt nichts anderes als eine rechte Identitätspolitik. Diese zu entlarven, wäre die Aufgabe von Filmkritikern. Der ideologiekritische Urvater Siegfried Kracauer mahnte einst: »Der Filmkritiker von Rang ist nur als Gesellschaftskritiker denkbar.« Und zu fragen wäre auch, ob nicht die das Mainstreamkino dominierenden Superheldenfilme gut in die Zeit eines neuen Autoritarismus passen. Die Bürger kommen in diesen Werken bloß noch als Claqueure vor, die Geschicke der Welt liegen in den Händen von T’Challa, Thanos, Thor und anderen Übermenschen. Eines nämlich eint die diversen neurechten Strömungen: Sie alle sind antiegalitär.

10. Juli 2018

Tina Uebel: Der große Verlust (der Kreativität durch Political Correctness)

Guter Text von Tina Uebel über den Verlust von Kreativität durch übergriffige Politische Korrektheit durch illiberale Linke.

Ich schreibe einen Antarktis-Expeditionsbericht, habe darin einen kleinen frotzelnden Originaldialog zwischen mir und meinem Zeltpartner: Des Abends, beim Hineinwursteln in ein Minizelt, führen wir Schatz-wie-war-dein-Tag-Dialoge, ich die Hausfrau, er heimkommend aus dem Büro, er fragt nach dem rumänischen Kindermädchen, ich antworte, Schatz, du weißt doch, das haben wir an einen Mädchenhändlerring verkauft, er bedauert das, ich sage, Schatz, du weißt, wir brauchten das Geld für deine Kaution.

Drama im Lektorat. Weswegen ich unbedingt politisch unkorrekt sein muss; ich sage, das ist nicht un-PC, sondern ein kleiner schwarzhumoriger Anflug in einem Dialog. Lektorat: Man macht keine Witze über schlimme Dinge; ich: Doch, das ist die Definition von schwarzem Humor. Lektorat: Das sei zu heikel, und es komme doch für die Story nicht drauf an; ich: Wenn alle immer nachgeben, folgt der schwarze Humor dem Weg des Dodos. Kompromissvorschlag aus dem Lektorat: Ich könne doch schreiben, das polnische Kindermädchen habe das Auto geklaut und sei damit abgehauen. Ich: Das sei jetzt weder schwarzer Humor noch Ironie oder Sarkasmus, sondern ein seit Dekaden abgestandenes Ressentiment; außerdem erkläre ich, wie sich hier das Objekt des Scherzes verschiebe: In dem einen Fall skizzierten wir uns als ein spießig-fieses Gangster-Ehepaar, im anderen bashten wir Polen – was mir nicht in den Sinn käme. Fazit Lektorat: Schwarzer Humor sei nur da akzeptabel, wo er hingehöre, zum Beispiel in der Satirezeitschrift Titanic oder in einem Sachbuch über Mädchenhandel.

Uebel berührt in ihrem Text einen der Kernpunkte der Debatte: Anscheinend hat die (identitäre) Linke in den letzten Jahren eine ungesunde Obsession mit „kultureller Repräsentation“ entwickelt und verliert dadurch das Gefühl für Abstraktion und Metaphorik in Sprache und kulturellem Ausdruck. Jegliche Äußerungen werden auf reinen Wortsinn untersucht und man ergeht sich in einer reinen Checklist für Wortgebrauch („kein N-Wort: check, keine Rassismen: check“), Kontexte (wie etwa „Fiktion“ oder „Satire“) werden dabei von einer kleinen, aber lautstarken Minderheit (eben die illiberal Left) weggewischt mit dem Verweis auf eine neue „Pflicht“ von Text, jegliche Identität zu repräsentieren.

Trotzdem beherrscht die Empörung dieser Minderheit die Debatte – was per se nichts dramatisches wäre. Jeder hat das Recht, auf Twitter Blut und Galle zu kotzen, wenn ihr etwas nicht passt, und sei es nur ein Wort in einem Buch. Das Problem ist nicht die Existenz einer illiberalen Minderheit innerhalb der Linken, sondern die Psychologie des Menschen im Netz, die diese Empörung zum Maßstab für die komplette Debatte macht und damit eine Outrage-Spirale erzeugt, in der die eine Hälfte ob der Freiheit des Individuums nur noch in schlimmsten, „ironisch gemeinten“ Rassismen kommuniziert – I'm looking at you, Siffs – und die andere ob der Tyrannei der „Trolle“ jegliche ambivalente Wortmeldung seziert. Und unterbrechen lässt sich dieser Kreislauf nicht aus dem einfachen Grund des Eternal September, der schlichten Tatsache, dass Netz-User fluktuieren und immer jemand provozieren und verbieten wollen wird. Das Netz erzeugt seine eigene Outrage-Spirale, ein in sich geschlossener Prozess, powered thru human Psyche.

Die einzige Lösung, die mir in drei Jahren Nachdenken über diese Outrage-Spirale bislang eingefallen ist, sind „öffentliche, intellektuelle Fight-Clubs“, durchgeführt im Real Life auf einer Bühne, veröffentlicht als Youtube-Debatte, wobei ich mir nicht sicher bin, ob die nicht einfach nur noch mehr Öl ins Feuer gießen würden. Aber die Alternative – der Rückzug des Individuums aus den kulturkriegverseuchten, von Tribes beherrschten Online-Welten – erscheint mir schlichtweg nicht machbar.

Jedenfalls: Guter Text von Tina Uebel --> Political Correctness: Im Wunderland der Korrektheit

4. Juli 2018
30. Juni 2018

Oppression Obsession

Jonathan Pie sums up the stupidity of our time: „Stop politicising my dumplings.“

8. Juni 2018